Einfahren, ausfahren

Ein Zug rollt in den Bahnhof. Bevor sich die Türen öffnen, fahren wie durch Zauberhand die Schiebetritte aus. Sie überbrücken den Abstand zwischen Perron­kante und Zug. Jeder Tritt fährt genau so weit aus, wie es nötig ist, ohne dabei den Perron zu berühren. Aber woher weiss der Tritt, wie weit er ausfahren muss? Und was passiert, wenn er mal blockiert ist?

Text: Denise Bachofen
Fotos: Daniel Ammann, Denise Bachofen 

Unsere Züge des Typs Flirt sind mit Schiebetritten ausgestattet. Die Tritte schaffen einen Übergang zwischen dem Zug und den Perrons, die gemäss Behindertengleichstellungsgesetz 55 Zentimeter hoch sind. Durch den Schiebetritt können unsere Reisenden ebenerdig und hindernisfrei einsteigen. Flirt ist aber nicht gleich Flirt. Wir setzen zwei unterschiedliche Generationen ein: Flirt I und Flirt II. Diese Züge sehen fast identisch aus, unterscheiden sich aber in Details. Eines davon ist die Funktionsweise der Schiebetritte. 

Einzeln programmiert

Der Schiebetritt verbirgt sich in beiden Flirtserien unter der Bodenplatte direkt bei den Türen. Hält ein Flirt I am Bahnhof, gibt der Lokführer die Türen frei. Dieses Freigabesignal geht an den Türrechner – ein im Türrahmen integrierter Computer. Der Türrechner gibt einen Ausfahrbefehl an den Schiebetrittrechner. Dieser wiederum leitet den Befehl an das Controllermodul weiter. Das Modul ist direkt in der Kassette unter der Bodenplatte eingebaut und startet nun den Motor, der den Tritt mittels Spindelmutterantrieb ausfährt.

Damit der Tritt weiss, wie weit er fahren muss, können im Flirt I die Ausfahrweiten für jeden Bahnhof einzeln programmiert werden. In der Grundeinstellung ist eine sogenannte Standardausfahrweite programmiert. Jede Abweichung davon muss aber separat definiert werden. Das kommt bei Bahnhöfen zur Anwendung, die keine geraden Perrons haben, sondern in einer Kurve liegen, wie z.B. in Wollerau und Degersheim.

Bei Kurvenbahnhöfen hängt der Abstand zwischen Perron und Zug davon ab, wo der Zug hält. Hält er etwas weiter vorne oder hinten, stimmt die Programmierung der Ausfahrlänge der Tritte nicht mit den Begebenheiten vor Ort überein und der Tritt überbrückt den Abstand nicht mehr ideal. Dieselbe Schwierigkeit tritt auf, wenn der Zug in Doppeltraktion – also mit zwei aneinandergekuppelten Flirts – unterwegs ist. Dann muss der Zug weiter vorne halten, damit die ganze Komposition Platz hat. Dadurch sind die Türen an anderen Stellen, als wenn eine Komposition einzeln unterwegs ist. Also gehört bei anspruchsvollen Bahnhöfen einiges an Überlegungen und Programmierarbeit zu den Flirt I-Schiebetritten. 

Ein eigenständiges System

Die jüngere Generation Flirt, der Flirt II, ist mit einem moderneren Schiebetrittsystem unterwegs. Dieses kommt ohne Distanzprogrammierung aus. Der Tritt ermittelt mit zwei Ultraschallsensoren selbst, wie weit er ausfahren muss. Ein Sensor ist horizontal zum Perron eingebaut, der andere vertikal ausgerichtet, um auch tiefer liegende Perrons erfassen zu können. So ist der Tritt flexibel und kommt mit ausserplanmässigen Halten, z.B. bei einer Störung, sowie Kurvenbahnhöfen zugange.

Im Flirt II ist die Schiebetrittsteuerung im Türrechner integriert. Dadurch ist sie gut geschützt, weil kein Wasser in die Steuerung eindringen kann. Von dort geht das Signal direkt an den Motor, der dann den Tritt über einen Zahnriemenantrieb ausfährt.

Die Pflege

Für die SOB sind 23 Flirts mit je 8 Schiebetritten unter­wegs, also insgesamt 184 Schiebetritte. Jeder Tritt wird in regelmässigen Abständen in einem unserer Service- Zentren gewartet.

Neben der Wartung (Schmieren, Funktionskontrolle) müssen die Schiebetritte auch gereinigt werden: In den Kassetten der Tritte findet man Zigarettenstummel, Kaugummis, Laub und im Winter viel Rollsplitt. Alles, was im ausgefahrenen Zustand auf den Schiebetritt fällt, zieht er beim Einfahren hinein. Diese Fremdkörper müssen wir im Unterhalt wieder entfernen, damit es nicht zu Störungen kommt. Sollte der Schiebetritt trotz regelmässiger Reinigung und Wartung einmal nicht richtig funktionieren, wird dies dem Lokführer ange­zeigt. Er wird versuchen, die Störung zu beheben, indem er z.B. den verklemmten Stein entfernt. Klappt das nicht, schliesst er die betroffene Tür ab und gibt sie erst frei, wenn der Schiebetritt wieder einwandfrei seinen Dienst tut. 

 

Die Pflege in Zahlen

184   So viele Schiebetritte sind für die SOB unterwegs (23 Flirts mit je 8 Tritten).
180 Jeder Schiebetritt wird in einem speziellen Unterhaltsmodul alle 180 Tage gewartet. Damit ist ein zuverlässiger Betrieb des Tritts sichergestellt.
17Für die Erledigung des Wartungsmoduls «Türen und Schiebetritte» in einem Flirt sind je nach Zustand und Modulvariante des Schiebetritts 8 bis 17 Mannstunden nötig.
3–6Durchschnittlich verbringt jeder Flirt alle 3 bis 6 Tage mindestens einen halben Tag für diverse Wartungsarbeiten in einem unserer Service-Zentren.