Das Glück auf Rädern

Die S4 führt von St. Gallen durch das Toggenburg nach Wattwil, weiter zum Walensee, dem Rheintal entlang Richtung Bodensee und wieder zurück zum Startpunkt. Kurz: rund um den Säntis. Die Fahrt ist auch in entgegengesetzter Richtung möglich. Für einen Tagesausflug ist diese Rundreise ideal. Nicht nur mit dem Zug, sondern auch in Kombination mit dem Velo ist die Strecke empfehlenswert. Mit prall gepumpten Rädern, frischen Beinen und grosser Neugier mache ich mich auf den Weg … 

Text: Ramona Schwarzmann | Bilder: St. Gallen-Bodensee-Tourismus, Schiffbetrieb Walensee AG, SchweizMobil, Melissa Mattle

Es ist ein sonniger Morgen Mitte März. Die Wolken verziehen sich und lassen den blauen Himmel zum Vorschein kommen. Die Sicht ist klar und die Luft frisch. Die Vögel pfeifen von den Dächern. Ich höre ganz genau hin. Es klingt nach einer frohen Botschaft: «Die Velosaison ist eröffnet!», singen sie.  Es muss so sein, denn der Anpfiff hat längst einige auf den Sattel gelockt.

Abwechslungsreiche Rundreise

Unterwegs mit Zug und Velo – mit der S4 rund um den Säntis. Rund 180 Streckenkilometer führen durch malerische Landschaften und über imposante Bauwerke wie den Sitterviadukt, mit 99 Metern die höchste Eisenbahnbrücke der Schweiz. Meine Reise beginnt zunächst auf Schienen, und ich steige in Herisau in die S4 ein. Sie bietet verschiedene Möglichkeiten für Zwischenhalte und Weiterfahrt auf derselben Linie. Der Zug fährt mich durch das hügelige Toggenburg. Wer knackige Aufstiege mit dem Velo mag, kommt hier auf seine Kosten. 

An den Einstiegstüren sind die Veloabstellplätze gekennzeichnet. Der Ein- und Ausstieg mit Fahrrädern gestaltet sich dank Niederflureinstieg ganz einfach. Das Velo lässt sich mit Rollgurten, die sich zwischen den Sitzen befinden, befestigen. Das ermöglicht einen bequemen und sicheren Transport  – insbesondere für E-Bikes, die fürs Aufhängen häufig zu schwer sind.  

Radeln und geniessen

Die Lust loszuradeln steigt mit jedem zurückgelegten Zugkilometer. In Schänis schnappe ich mein Velo, steige aus und folge der Seen-Route 9. Vom Genfersee bis zum Bodensee führt sie vorbei an zehn grös-seren und kleineren Seen. Ich schätze die gute Beschilderung sehr¬ – sei es auf dem Rad, beim Skaten, Wandern oder auf den Langlaufskis.

Dem fjordartigen Walensee entlang geniesse ich die Aussicht und radle weiter. Eine Schifffahrt inmitten einer traumhaften Bergkulisse lohnt sich. Auf der gegenüberliegenden Seeseite liegt Quinten. Dieser Ort ist ausschliesslich zu Fuss oder mit dem Schiff zu erreichen. Den steil abfallenden Felswänden der Churfirsten hat Quinten das milde Klima zu verdanken, das köstliche Gaumenfreuden wie Feigen und Kiwis gedeihen lässt. Auch die vielen Reben der Weinbauern sind schon von Weitem zu sehen. Der Gedanke an diese Köstlichkeiten löst bei mir ein leichtes Hungergefühl aus. Zu Recht, denn es ist mittlerweile Essenszeit. In Walenstadt suche ich mir ein Restaurant aus. Die Schifffahrt spare ich mir für den Hochsommer auf.

Die Ruhe des Sees lädt zum Verweilen ein, und das schmackhafte Mittagessen spendet mir Energie für die Weiterfahrt. Die Sonne scheint mir während des Mittagessens ins Gesicht und wärmt meinen ganzen Körper. Mit zusammengekniffenen Augen geniesse ich die Sicht auf den wunderschönen Walensee. Ein Herr setzt sich zu mir – ein Zahnarzt, wie sich herausstellt. Wir sprechen über geeignete Destinationen für Veloferien, sportliche Ziele und freuen uns über das tolle Wetter.

Wettrennen mit dem Zug

Ich setze meine Reise auf dem Sattel fort, denn die S4 ist noch nicht in Sicht. Mit einem kurzen Blick prüfe ich die Abfahrtszeiten an den kommenden Stationen. Ich habe dafür die Broschüre «S4 – Ringzug» aus dem Bahnreisezentrum in Herisau mitgenommen. Sie enthält unter anderem einen übersichtlichen Fahrplan. Teilweise liegt die Broschüre auch in den Zügen der SOB auf. 

Das Wettrennen mit der S4 beginnt. Mein Ziel: Ich möchte vor der S4 in Flums eintreffen. Das heisst, dass ich einen kurzen Zwischensprint einlegen muss. Zwei Minuten vor Abfahrt erreiche ich den Bahnhof und steige ohne Hektik in den Zug. Das Velo ist platziert und angeschnallt, sodass ich die Fahrt entspannt geniessen kann. Insgeheim denke ich an den Wind, der am Nachmittag das Rheintal hoch bläst. Still sitze ich im Zug und weiche so dem anstrengenden Gegenwind aus.

Die Sonne strahlt gütig vom Himmel, als sähe man ihr breites Lachen, wie man es von Kinderzeichnungen kennt. Es zieht mich in Marbach wieder raus auf den Sattel. Eine kleine Zwischenverpflegung muss aber noch sein: Kaffee und Apfelstrudel. Das erhöht die Motivation weiterzustrampeln immens. Und eine freundliche Bedienung in der Bäckerei macht den Zwischenstopp erst recht lohnenswert. Weiter geht es mit einem leichten Zuckerschub und freudigem Herzen durch das Rheintal Richtung Bodensee. Die Beine treten ordentlich in die Pedale, das Velo rollt, und vom Gegenwind bin ich verschont geblieben.   

Glück und Glanz

Am Ufer des Bodensees bin ich überwältigt vom atemberaubenden Panorama. Die Sonne steht tief und spiegelt sich im Wasser. Vögel fliegen knapp über der Wasseroberfläche. Es ist ein kleines Boot zu sehen, das zurück Richtung Hafen tuckert. Ich finde wieder diese Ruhe am See. Die anderen Personen am Ufer bewegen sich ganz gemächlich. Die Schritte der Fussgänger sind gelassen, und die Räder der Velofahrer scheinen sich langsamer zu drehen. Und alle tun wir dasselbe: Wir bestaunen die abendliche Stimmung und den Glanz des Sees. Ein Panorama, von dem ich nicht genug bekommen kann. Meine Augen schweifen immer wieder über den Horizont, und der Anblick erfüllt mein Herz mit Glück. Um diesen Moment einzufangen, packe ich die Fotokamera aus und knipse. Ich bin nicht die Einzige, die das tut: Eine junge Frau kommt auf mich zu und sagt, sie habe ein schönes Bild von mir geschossen. Die Begeisterung steht mir im Gesicht geschrieben. Anstatt es auf einer Social-Media-Plattform zu posten, hat sie es mit mir geteilt. Und ich möchte es hier mit Ihnen, unseren geschätzten Leserinnen und Lesern, teilen.  

Der Kreis schliesst sich

Mit viel Freude nehme ich die letzten Kilometer zurück nach St. Gallen in Angriff. Ich lasse die Gelegenheit nicht aus, den Abend bei einem Panaché mit Freunden ausklingen zu lassen. Die Stimmen im Lokal hören sich an wie das morgendliche Gezwitscher der Vögel. Die ersten Sterne schmücken den blau-schwarzen Himmel. Ich steige auf mein Velo und fahre zufrieden nach Hause. Das Glück liegt in der Einfachheit, denke ich mir. Sei es in einer schönen Begegnung am See, einer traumhaften Umgebung oder einem Tagesausflug mit viel Bewegung und Sonnenschein: Schaut oder hört man genau hin, wird plötzlich klar, dass man vom Glück umgeben ist. Denn Einzelteile des Glücks liegen überall auf der Strecke.