«Ich hol mir die Welt ins Appenzellerland.»

Bei der SOB ist ein Potpourri an Charakteren beschäftigt. Jeder Menschenschlag ist vertreten. Schliesslich beschäftigen wir Mitarbeitende aus 50 verschiedenen Berufen. Um einen weiteren Kollegen in der Rubrik «Gesichtszug» vorzustellen, treffe ich mich heute mit Köbi Dietrich. Ein «Exemplar» für sich, wie ich feststellen werde.

Text: Nicole Wolf | Fotos: Null Stern, Claudio Baeggli, Nicole Wolf

Köbi Dietrich arbeitet in unserem Service-Zentrum in Herisau und ist für den Unterhalt der Flotte zuständig. Das heisst, die Züge gehen während der Wartung oder Reparatur durch seine Finger. Bei der SOB angefangen hat der Landwirt 1989 als «Wagenputzer», wie er sagt, um seinen Lohn aufzubessern. Bald erkannte man sein handwerkliches Talent, und er wurde im Türservice und später im Betriebsunterhalt eingesetzt. Er arbeitet Teilzeit bei der SOB, denn zu Hause wartet ein Bauernhof, den mittlerweile hauptsächlich seine Frau führt. Im vergangenen Sommer kam zusätzlich zur Landwirtschaft noch eine weitere Beschäftigung hinzu. Diese hat die Familie Dietrich verändert.

Vom Landwirt zum Butler

Die Konzeptkünstler Frank und Patrik Riklin boten Köbi eine verrückte Idee an: Sie suchten einen Ort für eine Kunstinstallation und entdeckten Köbis gepachtete Alp auf dem Gipfel Göbsi bei Gonten, 1 200 m ü. M. Sie planten für den Sommer 2017 eine Doppelzimmersuite mitten in der Natur, vor einer umwerfenden Bergkulisse. Konkret: ein Doppelbett im Freien mit direktem Blick auf die Sterne. Dafür suchten die Künstler einen Butler, der die Gäste unten im Ort abholt, sie zum Bett bringt, dort mit Köstlichkeiten versorgt und auch sonst zu ihren Diensten steht. Im weissen Hemd, mit schwarzer Fliege und weissen Handschuhen, versteht sich. Köbi erschien als Idealbesetzung, aufgeschlossen und kommunikativ wie er ist. Er sagte spontan zu. So wurde er zum Butler. «Barfussbutler», denn die Schuhe lässt er am liebsten weg.

Welten treffen aufeinander

Einen Sommer lang traf Köbi auf Leute, die ihm im normalen Leben nie begegnet wären. Er erzählt von Episoden mit schrulligen Koreanern, trinkfesten Russen, Niederländern, Amerikanern, Schweizer Bänkern, Ärzten, Rechtsanwälten – aus allen Ecken der Welt strömten die Leute auf Köbis Alp. Er hingegen hatte es bisher nicht so sehr mit der Welt «da draussen». Ganz im Gegenteil. Reisen reizt ihn nicht. Einmal hat er es mit seiner Familie probiert. Sie waren ein paar Tage in Österreich. Den Versuch war es Wert, aber es zog ihn heim. Jemanden wie mich, die in verschiedenen Städten auf drei Kontinenten gelebt hat und immer von Fernweh geplagt ist, erstaunt diese Einstellung. Ich muss aber überrascht feststellen, dass Köbi eine Weltoffenheit besitzt, wie sie mir selten begegnet ist. Das Gespräch mit ihm berührt mich. Im Grunde hatte ich mich mit ihm getroffen, damit er mir von seinem Hobby als Null-Stern-Butler erzählt. Am Ende hatten wir vielmehr einen philosophischen Diskurs, wie ich später feststellen werde. Das Butler-Projekt fand er spannend und lustig. Was ihn am meisten gepackt hat, waren die Menschen. Menschen, mit denen er teilweise nur mit Händen und «Bar-Füssen» reden konnte. Englisch spricht er nicht. Das einzige Wort, das er beherrscht, ist «Brek-fescht» – Frühstück. «Diese Dinger auf dem Handy, in die man reinsprechen kann und die dann übersetzen», die waren hilfreich. Wobei er bald feststellte, dass diese Dinger keinen Appenzeller Dialekt verstehen und er hochdeutsch sprechen musste. Verständigen konnte er sich allerdings immer. Mit manchen Gästen führte er unter klarem Sternenhimmel lange, spannende Gespräche. 

Zurück zur Einfachheit

Wir sprechen über die Motivation der Menschen, im Null-Stern-Hotel zu nächtigen, und verlieren uns in einem tiefgründigen Gespräch über das moderne Leben, den Wunsch nach Rückzug und Ruhe, Einfachheit und Minimalismus. Weit oben auf der ruhigen Alp hat er diese Themen mit seinen Gästen besprochen. Bestimmt weiss er es nicht, aber gewiss ist er für viele geplagte, müde Städter ein Vorbild. Köbi liebt sie einfach, diese Ruhe und Einfachheit. Computer, Handy und all diese Dinge betrachtet er als nützliches Übel. Alles ist unter Strom. Warm wird er mit der neuen Technologie nicht. Beschämt schaue ich dabei auf mein Smartphone, mit dem ich am Anfang des Interviews emsig beschäftigt war und meine vorbereiteten Fragen in der Notizen-App las, Bilder seines mitgebrachten Gästebuchs abfotografierte, den Schauspieler googelte, dem Köbi ein bisschen ähnlich sieht (Willi Herren übrigens), und unser Interview in der Sprachmemo-App aufzeichnete.

«Es hat meine ganze Familie gepackt.»

Köbi hat sich durch sein Hobby die Welt ins Appenzellerland geholt. Und er will sie nicht mehr hergeben. Da die Gebrüder Riklin das Null-Stern-Hotel als Kunstinstallation geschaffen haben und nicht sicher am selben Ort fortführen, haben die Dietrichs über neuen Ideen gegrübelt. Sie können nicht mehr ohne Gäste sein. Sie haben «Blut geleckt». Schnell war ein Gästezimmer im Bauernhof hergerichtet, mit einem Hot-Pot- und einem Fondue-Angebot. So versuchen sie, die Leute nach Herisau zu locken. Der Clou kommt aber erst: Kurzerhand hat Köbi eine «Alpen-Pritsche» gebaut. Ganz unabhängig von und nicht zu verwechseln mit dem vorjährigen Kunstprojekt. Es ist ein Gästezimmer auf einem Wagen, das Köbi mit eigenen Händen zusammen mit einem Schreiner geschaffen hat. Die Innenausstattung gleicht einem Schweizer Chalet, die Plexiglasdecke gibt den Sternenhimmel frei, und nach vorne ist der Wagen geöffnet. Die Pritsche bieten die Dietrichs diesen Sommer auf der Alp Göbsi an. Wer will, kann natürlich auch im Winter darin nächtigen. Die ersten Anmeldungen sind schon eingetroffen. Köbi ist sich sicher: Er muss nicht raus in die Welt, die Leute kommen zu ihm.

Horizonterweiterung

Als ich ihm zum Abschluss unseres Gesprächs als kleines Dankeschön einen SOB-Kugelschreiber überreiche, winkt er bescheiden ab. Es sei nicht notwendig, immer etwas zu bekommen. Trotzdem freut er sich und meint: «So ein schöner Kugelschreiber. Den kann ich immer brauchen … Wobei, mit dem Schreiben habe ich es ja nicht so.» Diese Offenheit haut mich um. Während andere der modernen Technologie frönen und ihr so perfektes Leben auf Facebook, Instagram und Konsorten zelebrieren, kommt von ihm diese Aussage.  Bei der Heimfahrt im Zug verfolgen mich seine Worte, die Atmosphäre während unseres Interviews geht mir nicht mehr aus dem Kopf. Ich hole den «Kindle», mein elektronisches Buch, aus der Handtasche. Aber ich lege es zur Seite und lasse die Landschaft an mir vorbeiziehen. Ich habe das Gefühl, um eine Erfahrung reicher zu sein. Für Köbi war das Butler-Dasein horizonterweiternd, für mich war es der Austausch mit ihm.