Warum kann ein Zug nicht warten?

Das Netz des öffentlichen Verkehrs in der Schweiz ist sehr dicht. Bei Verspätungen können Züge häufig nicht aufeinander warten. Vor vielen Jahren war das noch einfacher. Die Bahnwelt hat sich jedoch stark verändert und weiterentwickelt.

Text: François Nissille und Nicole Wolf | Fotos: SOB 

Heute sind bedeutend mehr Züge unterwegs als noch zu Grossmutters Zeiten. Die Netzauslastung hat aufgrund der Nachfrage stark zugenommen, und die Umsteigezeiten werden nach den Bedürfnissen der Reisenden möglichst tief gehalten, um schlanke Anschlüsse zu gewährleisten. Das Abwarten von Anschlüssen und daraus resultierende Verspätungen wirken sich deshalb rasch auf das gesamte Netz aus, und es ist somit nicht immer möglich, Züge abzuwarten.
Die Entscheidungen treffen die Betriebszentralen. Wenn das Signal auf Grün gestellt wird, hat das Lokpersonal diese Anweisung zu befolgen und abzufahren. Damit werden die Folgeverspätungen für weitere Züge reduziert und die Auswirkungen auf weitere Reisende möglichst gering gehalten. 

Die Arbeit der Betriebszentrale

Der Zugverkehrsleiter überwacht, disponiert und lenkt die Züge im zugeteilten Bereich und spricht im Falle einer Verspätung die Reihenfolge der Züge mit der SBB ab. Abhängig von vorgegebenen Richtlinien bestimmt er, welche Anschlüsse hergestellt werden können und wo es den Zügen aufgrund der folgenden Auswirkungen nicht möglich ist zu warten. Er entscheidet ausschliesslich für das Streckennetz der Südostbahn (SOB). Die Entscheidungen über das Abwarten der Anschlüsse z. B. in St. Gallen, Rapperswil, Wädenswil oder Arth-Goldau fällt die SBB, da ihr dort die Infrastruktur gehört. Je nach Fall sprechen sich die beteiligten Betriebszentralen auch ab und entscheiden gemeinsam. Der Lokführer muss die Befehle des Zugverkehrsleiters in der Betriebszentrale strikt einhalten und abfahren, sobald das Signal auf Fahrt gestellt wird. Dasselbe gilt für die Anschlüsse zwischen Bus und Bahn. Die Busfahrerinnen und -fahrer entscheiden selber aufgrund der betrieblichen Vorgaben des jeweiligen Transportunternehmens, ob sie den Anschluss im Verspätungsfall abwarten können oder nicht. Das Problem der Züge: Sie sind auf Gleisen unterwegs, nicht wie ein Bus auf der Strasse. Wenn ein Gleis besetzt ist, kann der nachfolgende Zug nicht einfach ausweichen. Dadurch entstehen Folgeverspätungen. 

Ein fein abgestimmtes Räderwerk

Die Entscheidung, ob ein Anschluss hergestellt oder ob der Anschlusszug nicht abgewartet wird, hängt von vielen verschiedenen Faktoren ab.Die SOB betreibt ein mehrheitlich einspuriges Streckennetz. Das bedeutet, dass sich Züge nicht zwischen den Bahnhöfen kreuzen können. Wenn ein verspäteter Zug auf dem Netz verkehrt, hat das zwangsläufig Auswirkungen auf die entgegenkommenden Züge, die sich um die gleiche Zeit verspäten. Das Schienennetz der Schweiz ist ein fein abgestimmtes Räderwerk, in dem die verschiedensten Transportunternehmen eingebunden sind. Das heisst, dass an vielen Haltepunkten unserer Züge ein Anschluss zu einer anderen Bahn- oder Buslinie besteht. Diese Transportkette kann durch die Verspätung einzelner Züge rasch beeinträchtigt werden.  Ein gutes Beispiel bietet der Voralpen-Express (VAE) auf der Linie St. Gallen–Rapperswil–Luzern. Dieser hat Anschlüsse in Wattwil, Uznach, Rapperswil, Pfäffikon, Biberbrugg, Arth-Goldau und Luzern, wo Verspätungen sofort Auswirkungen auf weitere Züge haben. Um die negativen Konsequenzen für die weiteren Züge zu minimieren, muss bei einer gewissen Verspätung ein Anschluss gebrochen werden. So ist es möglich, dass alle anderen Züge pünktlich unterwegs und weniger Reisende von der Verspätung betroffen sind. Neben den vorgegebenen betrieblichen Vorschriften entscheidet zu bestimmten Tageszeiten z. B. die Richtung der Kundenflüsse, ob ein Anschluss abgewartet wird oder nicht. Das heisst, dass Züge mit vielen Anschlussreisenden eher abgewartet werden als Züge, die schwächer frequentiert sind.

Für die Kundschaft bemüht

Wir sind uns bewusst, dass wir nicht für jeden Fahrgast eine ideale Lösung bieten können. Mit unseren Partnern SBB, PostAuto, ZVV, Ostwind und weiteren Transportunternehmen sind wir im ständigen Austausch, um das Angebot zu optimieren. Die Züge der SOB sind grundsätzlich sehr pünktlich unterwegs: 96,5% verkehren rechtzeitig oder nur mit einer sehr kleinen Verspätung.Übrigens: Bei der Ausarbeitung des Fahrplans hat grundsätzlich der Kanton das letzte Wort. Er bestellt die Dienstleistungen bei den Verkehrsunternehmen. Bestellte Leistungen im Regionalverkehr gelten die Kantone finanziell ab. Die Seite www.fahrplanentwurf.ch dient Reisenden als Eingangskanal für Anregungen, Wünsche und Kritik am Fahrplan.