Die Facetten der Schweiz in 135 Minuten

Der Voralpen-Express verkehrt stündlich zwischen St.Gallen und Luzern. Für viele dient er als Zubringer von A nach B, und ein Grossteil der Fahrgäste legt nur Teilstrecken zurück. Es geht aber auch anders: Für Touristen und Freizeitreisende ist der Voralpen-Express der ideale Ausflugszug.
Text und Fotos: Carla Ullmann

Er durchquert verschiedene Regionen und Landschaften und zeigt die unterschiedlichsten Facetten der Schweiz. Als St.Gallerin kenne ich den Voralpen-Express auch nur als Mittel zum Zweck und nicht als attraktive Erlebnisfahrt. Heute soll sich dies ändern, denn ich gönne mir die gesamten 125 Kilometer bis nach Luzern.

Startpunkt St.Gallen
Ich steige um 8.03 Uhr in St.Gallen auf Gleis vier in den Bistrowagen des Voralpen-Express ein. Mich empfangen die klassischen grün-blauen Sitze und eine wohlige Atmosphäre im über 25-jährigen Interieur des Fahrzeugs. Ich lasse mich in einem Viererabteil mit breiten Sitzen und dem praktischen Tisch neben einem Geschäftsmann nieder. Nur wenige Minuten nach der Abfahrt überqueren wir den Sitterviadukt, die mit 99 Metern höchste Eisenbahnbrücke der Schweiz. Einige Fahrgäste blicken nach Um den Platz im Park optimal auszunutzen, ist das Farbatelier im Innern des Bergs mit der Schilthornbahn untergebracht. draussen, um den atemberaubenden Viadukt und die schwindelerregende Höhe zu bewundern. Mir fällt auf: Es sind bereits am Morgen viele «Ausflügler» unterwegs und nicht wie angenommen nur Pendlerinnen und Pendler. Ich nutze die Gelegenheit und frage zwei Damen mit Rucksäcken, wohin die Reise geht. «Wir fahren ins Tessin. Gerade in den Frühlingsmonaten, wo es noch ziemlich kalt in der Ostschweiz ist, geniessen wir gerne zwei Tage in der Sonnenstube der Schweiz.» Der Voralpen-Express bietet mit Umstieg in Arth-Goldau auf den Intercity durch den Gotthard-Basistunnel die ideale Verbindung. Die Reise in die italienischsprachige Schweiz dauert nämlich nur 162 Minuten.

Vorbei an Hügeln bis zum Zürichsee
Schon bald erreichen wir das hügelige Toggenburg. Hier liegt sogar noch etwas Tau auf den Wiesen, und die urchigen Häuschen zeigen ein typisches Bild der Schweiz. Nach der Fahrt durch den Rickentunnel raubt es mir vor Schmerikon den Atem. Die kleine Stadt liegt direkt am Zürichsee, der hier wunderschön von der Sonne beschienen wird. Bei diesem Anblick bin ich auch ohne Kaffee sofort hellwach. Nun führt die Strecke mehrere Minuten entlang des Sees. In Rapperswil angekommen, beschliesse ich, auszusteigen und den Weg zur nächsten Voralpen-Express- Haltestelle zu Fuss zu gehen. Dieser Weg führt über den Seedamm nach Pfäffikon SZ. Wenn ich einigermassen zügig laufe, erreiche ich Pfäffikon in einer Stunde und kann meine Fahrt im nächsten Voralpen-Express weiterführen.

Idylle und Panorama zugleich
Mein Entscheid, einen Teil der Strecke zu Fuss zu gehen, zahlt sich sofort aus: Die Ruhe auf dem Steg und die Gemütlichkeit auf dem Holzboden über dem Wasser sind einmalig. Ich bin nicht als Einzige auf dem Hurdensteg unterwegs: Einige Senioren, zwei Jogger und auch eine Mutter mit dem Kinderwagen geniessen die Idylle an der Kantonsgrenze zwischen St.Gallen und Schwyz. Während des Fussmarschs beobachte ich eine Vielzahl an Enten, Tauben und Vögeln. Sogar ein paar kleine Fische kann ich vom Steg aus erkennen. Mitten im See entdecke ich die Inseln Ufenau und Lützelau, die nordwestlich des Damms liegen – ein Ausflugsziel, das ich mir für die nächste Reise vormerke. Um den Weg zum Bahnhof zu finden, orientiere ich mich an den Gleisen und erreiche fünf Minuten vor der Einfahrt des Voralpen-Express Pfäffikon.
Die Weiterfahrt im Voralpen-Express führt vorbei an Reben und Wiesen und bietet eine wunderbare Aussicht. Nach dem Aufstieg bis Biberbrugg, mit einer Steigung von bis zu 50 Promille, durchqueren wir die einzigartige Hochmoorlandschaft bei Rothenthurm. Die flache Gegend auf fast 1 000 Metern über Meer lädt im Winter zum Langlaufen und Schneeschuhwandern und im Frühling auf dem Moorweg zum Spazieren ein. Die spärlich besiedelte Gegend ist ebenso für Touristen ein Highlight. Nun ist es bereits 10.30 Uhr, und es sind vor allem Freizeitreisende und Touristen unterwegs. Die Stimmung im Zug ist aufgeheitert, und man unterhält sich rege über die eindrucksvollen Landschaften.

Zentralschweizer Highlights
Kurz vor Arth-Goldau erblicke ich ein weiteres Panorama. Der Zugersee, der durch die Spiegelung in silberner Farbe erscheint, sowie die Mythen im Hintergrund, die die Postkartenansicht perfekt abrunden. Die Route führt nun entlang von Berglandschaften wie der Rigi und vorbei am einzigartigen Vierwaldstättersee. Bereits im nächsten Kanton, in Luzern, hat sich die Vielfalt an Fahrgästen erhöht. So erspähe ich eine Vielzahl asiatischer Touristen. Kurz vor der Kantonshauptstadt erkenne ich die Kapellbrücke und den Pilatus – meine Vorfreude auf das Entdecken dieser Gegend steigt. Der Zug hält an der Endhaltestelle, und ich verlasse den Erlebniszug bereits mit vielen positiven Eindrücken. Beim Ausstieg schnappe ich mir noch eine Postkarte aus einem der Hängekartons. In der Überschrift steht geschrieben: «When I was on the Voralpen-Express …» – wie soll man all die speziellen Eindrücke auf einer Postkarte zusammenfassen? Ich schreibe Grüsse an meine Verwandten, werfe die Postkarte in Luzern ein und mache mich auf den Weg, um die vielseitige Stadt zu erkunden.