Grosser kleiner Star

Der Voralpen-Express der Südostbahn ist der neue Star in Melide. Am 6. Juni 2019 feiert der bei jung und alt beliebte Freizeitpark Swissminiatur sein 60-jähriges Bestehen. Anlässlich dieses Jubiläums wird das Modell des kupferfarbenen Traverso feierlich eingeweiht. Es entstand in liebevoller über 1200-stündiger Kleinarbeit.

Text: Claudia Krucker, Fotos: Claudia Krucker, Sandro Mahler, Swissminiatur
 

Ein Hauch von Metall und Öl liegt in der Luft. Der Geruch erinnert an die SOB-Service-Zentren, in denen bis zu 200 Meter lange Züge instandgehalten und gereinigt werden. Geschätzte 30 Quadratmeter misst der Raum, in den Joël Vuigner, Direktor von Swissminiatur, führt. Der durch eine Hecke kaschierte Eingang liegt im 14 000 Quadratmeter grossen Park in Melide am romantischen Ufer des Luganersees und umrahmt von Monte Generoso, Monte San Salvatore und Monte San Giorgio, der zum UNESCO-Weltnaturerbe gehört.

Der «kleine» Unterschied
Auf den ersten Blick sind es die Dimensionen, die den Unterschied zu den SOB-Werkstätten ausmachen. Doch dieser Raum ist vielmehr Atelier als Werkstatt. Hier repariert Renato Bernasconi nicht nur sämtliche Modelle, die im Freizeitpark dem Zahn der Zeit ausgesetzt sind. Er entwickelt und baut sie sogar selbst. Und dies von Grund auf, in feinster Handarbeit. Als Orientierungshilfe dienen ihm Fotos und vor allem Pläne.

Ob Bundeshaus, Matterhorn, das Schloss Rapperswil, die Piazza Grande mit dem Locarno Film Festival ... etwa 130 Modelle präsentieren sich im Massstab 1:25 mit unwahrscheinlicher Detailtreue. Autos, Seilbahnen, Boote, alles bewegt sich. Selbst aus den Brunnen sprudelt Wasser aus millimetergrossen Rohren – wahrscheinlich wäre es angebrachter, sie als millimeterklein zu beschreiben. Ausserdem durchquert eine 3 560 Meter lange Modelleisenbahn mit 18 Zügen den Park mit seinen 1 500 Pflanzen und mehr als 15 000 Blumen. Einzig die Flugzeuge fliegen nicht, wie es ihre ursprüngliche Bestimmung vorsieht, sondern stehen zur Freude der Gäste vor den Fingerdocks am Flughafen Zürich-Kloten.

Wahre Kindheitsträume
Die Faszination von Swissminiatur ist bei jung und alt ungebrochen. Die Besucherzahlen sprechen für sich: Die Schweiz im Kleinformat entzückt jährlich bis zu 200 000 Menschen aus aller Welt und lässt nicht nur Kinderherzen höher schlagen.
Renato lebt seinen Kindheitstraum. Den lieben langen Tag darf er an Modellen «basteln», und das seit 42 Jahren. Während der Park von Anfang November bis Ende März geschlossen ist, hat er Zeit, ein neues Modell zu bauen. In diesem Jahr ist es der neue Voralpen-Express der Südostbahn, der kupferfarbene Niederflurtriebzug vom Typ Traverso, der (im Original) ab Juni 2019 im fahrplanmässigen Verkehr auf der Strecke St.Gallen–Luzern eingesetzt wird. Sechs neue Fahrzeuge lösen Zug um Zug das über 40 Jahre alte Rollmaterial ab.

Kleiner Star gross gefeiert
Auch als Modell hat der neue Voralpen-Express – mit stattlichen 6,10 Metern übrigens der längste Zug im Park – im Juni seinen grossen Auftritt: Er wird anlässlich des 60-Jahre-Jubiläums von Swissminiatur am 6. Juni 2019 feierlich eingeweiht – genau ein Jahr, nachdem der erste Traverso aus dem Hause des Schienenfahrzeugherstellers Stadler vom Stapel rollte und sich seither zahlreichen Typentests mit Bravour gestellt hat. «Auf dieses Modell freuen wir uns ganz besonders», so Joël Vuigner. Mit der Jubiläumsfeier übernimmt er offiziell die Führung von seinem Vater Dominique und leitet Swissminiatur mit den 26 Mitarbeitenden somit in dritter Generation. «Der beliebte Ausflugszug Voralpen-Express hat für uns eine besondere Bedeutung, weil er den Anschluss der Ostschweiz zur NEAT – und somit zum Tessin – sicherstellt.» Sein Grinsen wird noch breiter, als er erfährt, dass der komfortable SOB-Fernverkehrszug Traverso in gut anderthalb Jahren auch über die Gotthardbergstrecke ins Tessin fahren wird.

Feinste Handarbeit
Ob Wagenkasten, Radsatz, Pantograf: Sämtliche Teile stellt Renato in minuziöser Feinarbeit her. Er schneidet Metall, fräst, drechselt, schraubt. Sogar die Federn für die Drehgestelle fertigt er selbst an, mit einem vor vielen Jahren eigens dafür angeschafften Werkzeug. Nur die Schrauben kauft er ein. Und das Interieur des Zuges – 359 Sitzplätze und Tische – sowie die Zugspitzen stellt sein Kollege Sacha Caimi aus der Hightechabteilung im 3-D-Drucker her. Ganze 13 Stunden dauert der Druckprozess allein für eine Zugfront. Für den sechs Meter langen Zug benötigen sie beide rund 1 000 Stunden. 

Spezielle Farbe – spezielle Lackiertechnik
Nun kommen Luis Cruz und sein Team zum Zug. In ihrem nicht wirklich grösseren Atelier einen Steinwurf entfernt ist er verantwortlich für Farben und Glanz. Alle Sitze und Passagiere bemalen sie von Hand. Sie scheinen dem Zug Leben einzuhauchen. Die grösste Herausforderung ist das Lackieren des Messingzuges, der mit einem Zweikomponenten- Epoxidharz grundiert wird, um das Messing zu schützen. Bei der Traverso-Kupferfarbe handelt es sich um einen Spezialfarbton. Die Firma Stadler, die für den Bau des Zugmodells ihre Pläne zur Verfügung gestellt hat, bietet erneut Hand und stellt Swissminiatur sämtliche Originalfarben zur Verfügung, Tipps zur Anwendung von Gaetano Caruso, Leiter Oberflächentechnik, inklusive. 170 Gramm pro Quadratmeter werden benötigt; für den ganzen Zug zirka 10 Kilo. Nach gut 200 Arbeitsstunden ist auch dieses Werk vollbracht. Noch die Anschriften und Piktogramme ankleben, die Luis extern hat produzieren lassen, und fertig ist der neue Star der Swissminiatur.

Die Schweiz traversieren
Nun heisst es ab auf die Schienen, die natürlich ebenfalls alle selbst gefertigt wurden, und ab auf grosse Fahrt. Quer – wie es dem Namen Traverso gebührt – durch die Schweiz. So wie das Original, das als «Voralpen-Express » von St. Gallen nach Luzern verkehren, als «Treno Gottardo» ab Dezember 2020 die Gotthardbergstrecke ins Tessin befahren und als «Aare Linth» ab Dezember 2021 von Bern nach Zürich und Chur unterwegs sein wird. Dann können mit dem grossen Star der SOB noch mehr Sehenswürdigkeiten der Schweiz entdeckt werden, im Massstab 1:1.