Lang lebe das Bier

Stetig sind wir auf der Suche nach den Köstlichkeiten entlang unserer Strecke. Für diese Ausgabe geht die Reise nicht weit. Nahe dem Standort der SOBVerwaltung braut die Brauerei Schützengarten – und das seit genau 240 Jahren.
Text: Ramona Schwarzmann, Fotos: Brauerei Schützengarten

Im Stiftsarchiv des Klosters St.Gallen liegt das aus dem Jahr 754 stammende älteste deutschsprachige Dokument, in dem Bier erwähnt wird. Die Geschichte des Biers geht aber viel weiter zurück. Die Sumerer in Mesopotamien, dem heutigen Irak, brauten schon im vierten Jahrtausend v. Chr. Bier. Sie weichten Brot aus Gerste und anderen Getreidesorten im Wasser ein. Durch die Gärung entstand so eine Art Bier.

Die Brautradition von St.Gallen
Der berühmte Klosterplan von St.Gallen aus dem Jahr 820 ist eine der herausragendsten Kostbarkeiten der Stiftsbibliothek. Dieser zeigt drei Brauereien: eine für die Mönche, die für die grössere, tägliche Bierproduktion vorgesehen war. Für die Armen und Pilger war eine zweite Bierbrauerei geplant, die für eine kleinere Abnehmergruppe Bier produzieren sollte. Die dritte Brauerei für die vornehmen Gäste des Klosters sollte nur sporadisch in Betrieb und durch einen kleinen und rasch aktivierbaren Brauofen flexibler sein.

Es ist anzunehmen, dass Bier in verschiedenen Stärkekategorien und Qualitäten hergestellt wurde, wie beispielsweise Starkbier, Festbier und ein leichteres Bier – letzteres eher für den Alltagstrunk. Der Hopfen müsste bekannt gewesen sein, der als zusätzliche Würze und zur besseren Haltbarkeit diente. Urkunden des Stiftsarchivs St.Gallen sind authentischere Zeugnisse als der Klosterplan und Chroniken, denn diese widerspiegeln den Alltag: So kommt Bier oftmals als Abgabe an das Kloster in Form von Jahreszinsen vor, die die grösseren, abhängigen Bauern bezahlten. Wein und Most waren in der Stadt St.Gallen stark verbreitet. Sie waren die Getränke des Hoch- und Spätmittelalters sowie der Neuzeit und verdrängten das Bier vorübergehend. Erst im 18. Jahrhundert kam das Biertrinken wieder stärker auf.

Das Bierhaus vor dem Platztor – der Schützengarten
Die «Löblichen Schützengesellen vor dem Platztor» mieteten am jetzigen Standort der Brauerei Schützengarten ein eigenes Schützenhaus mit Schützensaal und Scheibenstand. Seit 1779 war Johann Ulrich Tobler Besitzer des «Bierhauses vor dem Platztor» und bediente die «Löblichen Schützengesellen» – mit Bier. Mit seinem Bruder richtete er eine Brauerei ein, und der Grundstein für die Brauerei Schützengarten war gelegt.

David Billwiler kaufte die Brauerei 50 Jahre nach ihrer Gründung und übergab sie später seinem Sohn Arnold. Letzterem ist die Entwicklung zur Grossbrauerei zu verdanken. Seine innovative Denkweise hat dazu beigetragen, dass sich der Bierausstoss stetig steigerte. Arnold Billwiler modernisierte die Brauereianlagen und baute im Jahr 1894 ein eigenes Elektrizitätswerk an der Sitter. Dieses war eines der ersten im Kanton, und so wurden die ersten elektrischen Strassenlampen in der Stadt St.Gallen mit Schützengarten-Strom betrieben.

Der Konkurrenzkampf zwischen den einzelnen Brauereien verschärfte sich im 20. Jahrhundert. Durch Wirtschaftskrisen und die Weltkriege ging der Bierabsatz massiv zurück. Verschiedenste Firmen in der Schweiz gaben den Betrieb auf, weil sie dem Übernahmekampf nicht standhalten konnten. Alleinig die Brauerei Schützengarten hat damals eigenständig überlebt.

Die Brauerei Schützengarten heute
Die Schützengartenbrauerei darf auf ein langes Bestehen zurückblicken. Die aussergewöhnliche Geschichte der Brauerei stellt eine grosse Verantwortung dar. Denn diese Geschichte gilt es erfolgreich weiterzuschreiben. Stetige Modernisierungen der Produktionsanlagen und der wertvolle Einsatz aller Mitarbeitenden sind Voraussetzungen für die Qualitätsbiere der Brauerei Schützengarten. Sie trägt als einziger Schweizer Braubetrieb das internationale Gütesiegel «Slow Brewing». Diese Auszeichnung bescheinigt Nachhaltigkeit und Sorgfalt. Aus der bescheidenen Biersiederei ist im Verlaufe von 240 Jahren eine erfolgreiche Brauerei entstanden.

Dass sich das Familienunternehmen den ständig wechselnden Bedürfnissen des Markts angepasst hat, zeigt sich am Sortiment: Dieses Jahr hat das Traditionsunternehmen die altbekannten guten Neujahrsvorsätze zum Anlass genommen und präsentierte einen schlanken Trinkgenuss – ein Low Carb Beer. Die Braumeister entwickelten ein kohlenhydratarmes Bier, das rund 65 Prozent weniger Kohlenhydrate enthält als ein Standardlagerbier und diesem geschmacklich ebenbürtig ist. Alle Rezepturen der Brauerei Schützengarten sind Eigenentwicklungen. Die Ideen kommen von den Mitarbeitenden oder direkt von ihrer Kundschaft.

Bierbrauereien waren Orte der Geselligkeit und für das Quartierleben wichtig. Von grosser Bedeutung war der «Schützengarten-Saal» bis Ende des 20. Jahrhunderts.

Das Unternehmen ist stolz auf seine kreativen Bierbrauer, die an den Rezepturen feilen, bis sie perfekt sind. Natürlich darf im Jubiläumsjahr das dazugehörige Bier nicht fehlen: Mit dem «Sud 1779» huldigt die Brauerei Schützengarten dem Gründungsjahr. Die besondere Note verleihen dem Bier die Hefesporen aus der Gründerzeit, die ein sogenannter Hefejäger – also ein Mikrobiologe – im alten Gärkeller entdeckte. 

Genuss ohne Reue
Warum Bier – in Massen genossen – gesund ist? Die Rohstoffe von Bier enthalten wichtige Vitamine, Mineralien und Antioxidantien. Letztere stammen aus den Rohstoffen Gerstenmalz und Hopfen, die eine entzündungshemmende Wirkung aufweisen. Ausserdem enthält Bier verschiedene B-Vitamine und ist zum Beispiel eine natürliche Quelle für das Vitamin B12 – das besonders wichtig ist für Vegetarier. Weiter verfügt das Bier über eine günstige Zusammensetzung von essenziellen Mineralstoffen wie Kalium. Dieses ist unter anderem an der Muskeltätigkeit beteiligt und reguliert den Blutdruck. Zudem ist Bier ein wichtiger Siliziumlieferant. Silizium sorgt für gesunde Knochen und verleiht dem Bindegewebe eine elastische Stabilität.

Nicht zu vergessen: Bier ist nicht nur ein guter Durstlöscher, sondern durch seinen isotonischen Charakter alkoholfrei genossen ein geeignetes Sportgetränk. Es gibt also viele gute Gründe, Bier zu trinken. Aber was ist mit den «dicken Freunden» des Biers – den Kalorien? Grösstenteils stammen sie vom Alkohol. Im Bier ist nämlich kaum Fett oder Cholesterin enthalten. Der berühmte Bierbauch formt sich eher aufgrund der schlechten Essgewohnheiten, die oftmals mit dem Bierkonsum einhergehen. Im Gegensatz zu anderen Getränken hat Bier zwar weniger Kalorien, wird aber häufig in grösseren Mengen getrunken.

Kalorien pro 100 ml:

Bier (5,0% vol.) | 43

Bier (alkoholfrei) | 18

Spirituosen | 250

Vollmilch | 62

Apfelsaft | 50

Energydrinks | 64

Die Geselligkeit und der Biergenuss
Wenn die Tage länger sind und die Temperaturen steigen, locken einladende Lokale die Durstigen, Platz zu nehmen. Und wie schön nur schon die Vorstellung davon ist: ein Griff zum kühlen, perlenden Glas, das die Fingerspitzen erkalten lässt. Dann tauchen die Lippen in den luftigen Schaum des Biers, kurz die Augen schliessen, und der erste Schluck erfrischt die ganze Brust. Bierbrauereien waren und sind Orte der Geselligkeit. Das lässt die Brauerei Schützengarten erneut aufleben: Im April eröffneten sie das «Brauwerk» – eine Gasthausbrauerei direkt am Hauptbahnhof St.Gallen. Ein kleines Sudwerk ermöglicht es, besondere Bierkreationen zu testen und zu brauen. Ein kreativer Ort für die Bierbrauer, und für die Gäste ein Ort, um die Bierkultur und -vielfalt zu erleben.