Umweltschutz auf Baustellen

Die Bauarbeiten im Cluster Obertoggenburg 2019 sind abgeschlossen. Doch nicht nur Schotter, Gleise und Fahrleitungen haben die Verantwortlichen beschäftigt. Eine Herausforderung lautete: Wie bauen wir, dass unsere Bahnstrecke und ihre Umgebung seinen tierischen Anwohnern und seinen Pflanzen vielfältige Lebensräume bietet?

Text: Brigitte Baur, Fotos: Thomas Lutz 

Ein Wort ist in aller Munde: Biodiversität. Der Begriff steht für die Vielfalt, den Schutz und den Erhalt aller Arten von Pflanzen und Tieren sowie ihrer Lebensräume. Die Themen der Biodiversität sind mit- und untereinander eng und dynamisch verknüpft. Kurz erklärt heisst das: Jede Pflanze und jedes Tier braucht seinen geeigneten Lebensraum.

Die Tätigkeiten unserer Bauarbeiten an den Gleisen haben ebenfalls Auswirkungen auf verschiedenste Lebensräume und fordern von unseren Projektleitern ein verantwortungsbewusstes Planen, damit Biodiversität und Bauen an unserer Infrastruktur Hand in Hand gehen. An erster Stelle braucht es das Bewusstsein und den Willen aller Beteiligten, sich dafür einzusetzen und diesen Lebensraum zu schützen oder ihn fachgerecht zu erweitern. Eine erfolgreich abgeschlossene Baustelle ist nur dann nachhaltig, wenn sie langfristig einen ökonomischen und ökologischen Nutzen stiftet beziehungsweise entsprechenden Schaden an der Natur vermeidet. Dies dient sowohl der SOB als Eigentümerin, weil sie nach den Bauarbeiten qualitativ wertbeständiger ist, als auch der Umwelt.

Mit Gesetzen Lebensräume schützen

Doch nur der gute Wille reicht nicht aus. Bund, Kantone und Gemeinden fordern deshalb in ihren Umweltgesetzen, dass Biodiversität vermehrt in Planung und Bau berücksichtigt wird. Das bietet den Projektleitern bei der SOB die Chance, mit einer entsprechenden und frühzeitigen Planung vielfältige Lebensräume zu schützen, zu verbessern oder neu zu schaffen sowie die Bedürfnisse von Tieren und Pflanzen zu berücksichtigen oder ihnen nachhaltig nachzukommen. Dazu definiert der zuständige Projektleiter zu Beginn eines Bauprojekts klare Zielvorgaben bezüglich Biodiversität. Diese sind als Bestandteil eines Bauprojekts im Plangenehmigungsverfahren (PGV) vom Bundesamt für Verkehr (BAV) vorgeschrieben und werden in der Gesamtplanung strategisch verankert. Die bundesrechtlichen Bestimmungen erfordern in jedem eingereichten Konzept ein Kapitel zu den Themen Umwelt-, Natur- und Heimatschutz. Um die Basis für eine korrekte Umsetzung der im PGV definierten Umweltschutzmassnahmen zu schaffen, begleiten fachkundige Umweltspezialistinnen und Umweltspezialisten die Bauarbeiten der SOB. Hierzu wird von den Spezialisten in einem ersten Schritt geprüft, welche Umweltvorschriften betreffend Tier und Pflanzen vorliegen, wie die SOB diese umsetzen kann und mit welchen Massnahmen diese erreicht werden.

Die Natur bestimmt die Bauplanung

Ein Beispiel zeigt die Grossbaustelle im Obertoggenburg. Hier erneuerte die SOB im Jahr 2019 die Fahrbahn zwischen Wattwil und Nesslau-Neu St.Johann. Die an der Strecke liegenden Durchlässe des Geren-, Howart- und Rickenbachs sanierte die Südostbahn dabei nach den Vorschriften und Auflagen des Gewässerschutzes im erteilten PGV und unter Aufsicht der kantonalen Fischereiaufsichtsbehörde. Dass auch hier die Natur geschützt werden muss, weiss auch der verantwortliche SOB-Gesamtprojektleiter Armin Zöggeler: «Bei den Renaturierungs- und Sanierungsarbeiten an den Bachdurchlässen achteten wir auf die Laichzeit der Fische. Um die Gewässer klar zu halten und damit den Laich zu schützen, planten wir die Vor- und Hauptarbeiten im Sinne der Fische – also vor November und nach April.» Weiter setzte die SOB ein Anliegen der Behörde zum Wohle der Fische unkompliziert und nachhaltig um: «Um den Fischen in den strömenden Gewässern Ruhezonen anzubieten, verbesserten wir gemeinsam mit dem Fischereiaufseher die ausgeschwemmte Bachsohle und schufen kleine Steininseln, um den Lebensraum der Bachbewohner zu optimieren», erklärt Armin Zöggeler. Die Ufer der genannten Bäche wurden naturnah bepflanzt und flacher gestaltet. Amphibien bieten die angepassten Flächen neu einen einfacheren Ein- und Ausstieg und durstigen Wildtieren eine gut erreichbare Wasserquelle. Auch hier hatte das Gesetz ein Auge auf die Bauarbeiten. Die Vorschriften verlangen, dass nach den abgeschlossenen Bauarbeiten mindestens zehn Prozent mehr ökologische Lebensräume geschaffen werden müssen als davor.

Wasseramsel – Vogel des Jahres 2017

Verbessern soll sich gemäss Armin Zöggeler nach dem Neubau der Thurbrücke bei Ulisbach auch der Lebensraum der Wasseramsel – des wohl seltsamsten Singvogels der Schweiz. Die Wasseramsel kann schwimmen, klettern und fliegen. Das kann keine andere der weltweit rund 4 000 Singvogelarten. Sie ist ungefähr 18 Zentimeter gross und 60 Gramm schwer, hat ein schwarzbraunes Federkleid mit weisser Brust. Sie sucht ihr Futter mit Vorliebe unter Wasser. Den Lebensraum der Wasseramsel an der Thur bei Ulisbach zu erhalten, ist auch ein Anliegen des Toggenburger Vereins «nathur». Ihre Mitglieder setzen sich für den Artenschutz ein mit dem Ziel, gesunde Lebensräume zu schaffen und so der Bevölkerung die Schönheit und den Nutzen der Natur zu vermitteln. Das «Anklopfen» des Vereins während der Bauarbeiten an der Thurbrücke blieb nicht ungehört. Armin Zöggeler: «Der Verein ‹nathur› erhielt von der SOB die Erlaubnis, artgerechte Nistkästen an der neuen Thurbrück ein Ulisbach zu montieren. Die an geeigneten Stellen platzierten Nistkästen, zum Beispiel unter Brücken oder an Brückenpfeilern, die über dem Wasser liegen, werden von den Wasseramseln gerne angenommen.»

Argusaugen beim Bauen

Dass sich während und nach den Bauarbeiten im Obertoggenburg nicht nur Fische und Vögel wohlfühlen, weiss Beatrice Rüegg. Sie begleitete das Grossprojekt als externe Umweltspezialistin und kennt die Herausforderungen im Cluster Obertoggenburg: «An der rund sieben Kilometer langen Baustelle wurden einige landwirtschaftliche Nutzflächen temporär als Installationsplätze für Material oder Baumaschinen benutzt. Hier galt das Augenmerk dem Schutz von Tier und Pflanzen. Das heisst, dass nach den Bauarbeiten die benutzten Flächen sorgfältig wieder rückgebaut werden mussten. Doch welche Tiere, die sich in Wiesen und Böschungen aufhalten, müssen geschützt werden? «Tiere wie Igel, Feldhasen, Rehe oder Füchse können sich relativ gut auf temporäre Störungen einstellen. Spuren an der Thur liessen auch Biber vermuten. Wird es diesen Tieren zu ungemütlich, meiden sie die Lärmquelle», erläutert Beatrice Rüegg. Doch wie sieht es aus mit Jungvögeln, die noch nicht so mobil sind wie ihre Eltern? «Eine klare Vorschrift im PGV der SOB lautete, Böschungen nur ausserhalb der Brutzeiten der Vögel zu roden. Im Fall Cluster Obertoggenburg wurden diese Arbeiten in die Wintermonate verlegt», erklärt Beatrice Rüegg.

Eine grosse Herausforderung bei der Planung der Bauarbeiten im Obertoggenburg war zudem, dass die Laichzeit der Fische und die Brutzeit der Vögel nicht im selben Zeitraum lagen. Hinsichtlich der Vorschriften und der Auflagen stellt die Umweltspezialistin allen Beteiligten im Cluster Obertoggenburg ein sehr gutes Zeugnis aus. «Bei meinen Begehungen beobachtete ich einen sehr sorgfältigen Umgang mit der Natur und mit den Tieren. In Sachen Gewässerschutz zeigten sich die zuständigen Unternehmen bei den Arbeiten an der Thurbrücke und am Rickenbach vorbildlich. Und auch die Wasseramsel kann sich dank der Grosszügigkeit der SOB über neue Nistkästen freuen.»

Entlang der Bahnstrecke von Wattwil bis Nesslau-Neu St.Johann ist der Lebensraum vieler Tiere wieder ruhig und gesichert. Zum einen dank den strengen Auflagen des Bundes, zum anderen aber auch dank den sorgfältigen und behutsamen Bauarbeiten der Südostbahn.

 

 

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Der Cluster Obertoggenburg 2019 auf einen Blick

Steigen Sie ein und fahren Sie mit uns ganz vorne im Zug mit. Auf der kurzen, aber interessanten Reise, fahren Sie an allen Teilprojekten im Cluster Obertoggenburg 2019 vorbei - von Nesslau Neu St. Johann bis Wattwil.

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