Störungsmanagement in der Disposition

Man stelle sich vor: Ein voll besetzter Voralpen-Express kann um 7.28 Uhr in Wattwil nicht mehr weiterfahren. Grund ist eine Lokstörung. Betroffen sind nicht nur Reisende, die schon im Zug sitzen, sondern auch jene, die erst in Herisau zusteigen wollen. Neben der Betriebszentrale ist jetzt auch unsere Disposition gefordert, innert Minuten Lösungen zu finden und die Weiterreise der Steckengebliebenen zu organisieren.

Text: Tim Büchele, Fotos: Daniel Ammann

Dieses Szenario zeigt exemplarisch auf, mit welchen Situationen die Mitarbeitenden der Disposition konfrontiert sind. Es ist ihre Aufgabe, verfügbare Fahrzeuge, Zug- und Lokpersonal einzuteilen und zu disponieren. Neben der täglichen Arbeit an gewöhnlichen Fällen ist das Störungsmanagement eine ihrer Kernaufgaben. Sie arbeiten dabei immer sehr eng mit der Betriebszentrale zusammen. Disposition und Betriebszentrale befinden sich im Bahnhof Herisau nebeneinander auf demselben Stockwerk. Die Disposition ist an 365 Tagen im Jahr von 3.35 Uhr bis 1.00 Uhr besetzt. Diese 21-Stunden-Abdeckung wird von insgesamt 14 Mitarbeitenden und einem Lernenden unter der Leitung von Monika Pabón-Angehrn gewährleistet. 

Nur zehn Minuten für Ersatzkonzept

Um schnell reagieren zu können, werden in unserem Musterfall sofort drei Dispositions-Mitarbeitende an den dafür vorgesehenen Bildschirmarbeitsplätzen zusammengezogen. Es geht nach Eingang der Meldung um 7.29 Uhr darum, sich sofort einen ersten Überblick zu verschaffen und bereits vorbehaltene Entschlüsse zu fassen. Die Lokführerin des Voralpen-Express hat maximal zehn Minuten, um zu melden, ob sie die Fahrt fortsetzen kann oder nicht. Kann sie nicht weiterfahren, muss nach Möglichkeit ein Ersatzzug organisiert werden. Für die Kolleginnen und Kollegen in der Disposition sind diese zehn Minuten ein wertvolles Gut, das zielstrebig genutzt werden muss. Im allerbesten Fall können sie bereits um 7.47 Uhr – also lediglich 18 Minuten nach Eingang der Meldung – zur fahrplanmässigen Zeit ab Herisau eine Ersatzkomposition nach St.Gallen einsetzen. Dies wird indes nur dann gelingen, wenn alles perfekt läuft. Die Zeit drängt. Bald werden in Herisau Dutzende von Pendlerinnen und Pendlern ahnungslos auf dem Bahnsteig stehen. Und da es ein sonniger Tag ist, werden auch ab St.Gallen sehr viele Reisende erwartet, die der Zug für seine anschliessende Fahrt in die Gegenrichtung aufnehmen muss. In Herisau steht in der Regel eine Reservekomposition für den Voralpen-Express auf einem Abstellgleis bereit. Bringt die Disposition diesen nicht rechtzeitig nach St.Gallen, werden noch sehr viel mehr Fahrgäste von der Störung betroffen sein. 

Alles gleichzeitig

Die drei Dispositions-Mitarbeitenden arbeiten jetzt parallel: Eine klärt mit dem verantwortlichen Service-Zentrum, ob die Reservekomposition sofort einsatzbereit ist oder ob daran gerade Unterhaltsarbeiten im Gange sind, die nicht sofort unterbrochen werden können. Zum Glück ist die Komposition heute sofort verfügbar. Die zweite Disponentin nimmt gleichzeitig mit dem Reservelokführer Kontakt auf, um nachzufragen, ob er sofort verfügbar ist. Oft erledigt dieser jeweils im Bahnhof Herisau administrative Arbeiten. Die Disponentin hat Glück: Der Lokführer ist auf Anhieb erreichbar und stünde bereit. Um keine Zeit zu verlieren, begibt er sich vorsorglich bereits zum Reservezug, obwohl momentan noch nicht klar ist, ob dieser verkehren wird. Der dritte Disponent befasst sich mit dem Zugpersonal und versucht, umgehend einen Zugbegleiter für den Ersatzzug aufzubieten: Kurzfristig wird ein Mitarbeiter von der Stichkontrolle abgezogen. 

(Fast) alles perfekt

Diesmal hat alles zusammengepasst: Innerhalb weniger Minuten ist es gelungen, den Einsatz des Ersatzzugs sicherzustellen. Praktisch gleichzeitig kommt um 7.39 Uhr die Meldung der Lokführerin des stehen gebliebenen Zugs, dass sie definitiv nicht weiterfahren kann. Jetzt muss es schnell gehen. Mittels elektronischer Meldungen informieren die Kolleginnen der Disposition und der Betriebszentrale über die Anordnung des Ersatzzugs und den Einsatz des Personals. Die Zeit bis zur fahrplanmässigen Abfahrt um 7.47 Uhr ab Herisau Richtung St.Gallen reicht nicht ganz, doch mit nur zwei Minuten Verspätung setzt sich der Zug talwärts in Bewegung. In diesem Fall kann indes bei nur zwei Minuten Verspätung von einem nahezu perfekten Ergebnis des Störungsmanagements gesprochen werden. Ein Erfolgserlebnis nicht nur für die drei Disponenten, sondern auch für alle anderen Involvierten, die schnell und richtig reagiert haben. «Es läuft nicht immer so perfekt», sagt Monika Pabón. «Wenn nur eine der getroffenen Abklärungen nicht erfolgreich gewesen wäre, hätte der Ersatzzug nicht verkehren können.» Die gute Arbeit hat vielen Reisenden ab Herisau und in der Gegenrichtung ab St.Gallen sowie ab den Folgebahnhöfen Unannehmlichkeiten erspart. Übrigens gab es selbst für die in Wattwil gestrandeten Fahrgäste noch eine erträgliche Lösung: Sie erreichten St.Gallen um 8.33 Uhr mit unserer S4, die um diese Zeit noch mit zwei Flirt-Zügen geführt wird und somit in dieser Ausnahmesituation wenigstens noch genügend Stehplätze für die vielen Passagiere bot. Die entsprechende Lenkung der Reisenden haben die beiden Zugbegleiter des gestrandeten Voralpen-Express über Lautsprecherdurchsagen im Zug und danach mündlich auf dem Perron übernommen. 

Arbeit noch nicht zu Ende

Für die Mitarbeitenden der Disposition ist die Arbeit aber noch nicht zu Ende: Jetzt muss zusammen mit der Betriebszentrale die Überführung des liegen gebliebenen Voralpen-Express ins Service-Zentrum nach Herisau organisiert werden. Dafür reserviert die Betriebszentrale ein freies Trassee (in der Fachsprache wird «ein Zug angeordnet»), die Disposition organisiert eine Lok, die den Zug abschleppen kann, und einen dazugehörigen Lokführer. Diese Geschichte gibt – wenn auch auf stark vereinfachte Art – einen Einblick in das Störungsmanagement des Ressorts Disposition. Ohne die hochwertige und sehr effiziente Arbeit der 14 Dispo-Mitarbeitenden, die für die Reisenden nicht direkt sichtbar ist, wäre der reibungslose Bahnbetrieb nicht möglich.