Von der Liebe zu Bienen

Bienen sind faszinierend. Ihre kleinen Körper wirken wegen ihrer Streifen, die an Tiger erinnern, und der putzigen Haare gleichzeitig abschreckend und anziehend. Wie streng diese Körper arbeiten, habe ich bei einem Besuch im Rheintal erfahren. Und erlebt, dass bei aller Liebe zu den Bienen am Ende der Draht zu Petrus entscheidet, ob es ein gutes Imkerjahr wird oder nicht.

Text und Fotos: Claudine Roth 

«Sei mir gegrüsst , du lieber Mai, mit Laub und Blüten mancherlei! Seid mir gegrüsst , ihr lieben Bienen, vom Morgensonnenstrahl beschienen! Wie fliegt ihr munter ein und aus in Imker Dralles Bienenhaus. Und seid zu dieser Morgenzeit , so früh schon voller Tätigkeit.» 

Mein erstes Treffen mit Marcel Buschor, Imker mit Herz und Leidenschaft und Mitglied des Imkervereins Unterrheintal, fand im April nach Feierabend in seinem Bienenhaus statt. Der Winter zog sich nur langsam zurück, die Sonne versteckte sich hinter grauen Wolken, die sich irgendwann über dem Bienenhaus von Marcel entluden. Das Häuschen, beschaulich gelegen zwischen Heerbrugg und Au, umgeben von Kirschen- und Apfelbäumen, die schon ihre ersten Blüten trugen, war grösser, als ich erwartet hatte. 26 Bienenkästen fanden darin Platz. In einigen summte und brummte es ziemlich laut. Und warm war es, wenn man seine Hand darauf legte. Ein Zeichen dafür, dass die Bienen zu diesem Zeitpunkt schon fleissig waren. 

«Für Diebe ist hier nichts zu machen, denn vor dem Tore stehn die Wachen. Und all die wackern Handwerksleute, die hauen, messen stillvergnügt , bis dass die Seite sich zur Seite schön sechsgeeckt zusammenfügt .» 

Bis zu diesem Treffen hatte ich von der Imkerei keine Ahnung. Und vor Bienen eher Angst. Wie oft hatte ich sie mit zuckenden Armen und Gekreische verjagt, wenn sie um mich herumflogen. Dass gerade meine Reaktion auf ihren Besuch die Bienen noch aggressiver machte, wusste ich zwar, war mir aber angesichts des drohenden, schmerzenden Stichs egal. Vor allem ruhig, so solle man sich im Beisein von Bienen bewegen, erklärte mir Marcel. Und genau so machte er es. Sorgfältig öffnete er den ersten Kasten, um mich einen Blick hineinwerfen zu lassen. Da kletterte eine Biene über die andere, pflügte sich den Weg frei, um – je nach Bestimmung – ihrer Aufgabe nachzukommen. Arbeiterinnen und Drohnen auf einem Haufen und mitten drin, irgendwo, die Königin, die wir einfach nicht erspähen konnten.

«Die dicken Brummer, das sind die Drohnen», sagt Marcel und zeigt auf eine. Drohnen sind die männlichen Tiere im Bienenvolk und begatten die Königin im Flug. Im Flug? «Ja, im Hochzeitsflug», entgegnet Marcel meinem ungläubigen Staunen. Noch während der Paarung sterben sie, derweil die Königin zurück zu ihrem Volk fliegt und – wenn es sich um eine gut gehegte Königin handelt – bereits nach zwölf Stunden erste Eier legt.

«Schau! Bienenlieschen in der Frühe, bringt Staub und Kehricht vor die Tür. Ja! Reinlichkeit macht viele Mühe, doch später macht sie auch Pläsier. Wie zärtlich sorgt die Tante Linchen fürs liebe kleine Wickelkind. ‹Hol Wasser›, ruft sie, ‹liebes Minchen, und koch den Brei, und mach geschwind!.»

Mehr zu tun haben die Arbeiterinnen eines Volks. Je nach Alter sind sie entweder für die Sauberkeit der Zellen verantwortlich, füttern die Brut oder sind draussen auf der Suche nach Nektar und Pollen. Bis in den April hinein ist in einigen Völkern noch die Winterbrut am Werk, die das Volk und vor allem die Königin in den kalten Monaten mit Wärme versorgt hat. Der Baubetrieb der Bienen ist erst gerade erwacht, geht aber schnell voran. Denn als ich einen Monat später, Ende Mai, wieder bei Marcel vorbeischaue, sind die Kästen proppenvoll, und die Schwarmzeit hat angefangen.

«Durch den Schwarmtrieb sichert sich die Natur die Vermehrung der Bienenvölker», steht im «Schweizerischen Bienenvater», der 550 Seiten dicken Bibel aller Imker. Marcel lässt seine Bienen bis zu einem gewissen Grad Bienen sein. Lässt sie schwärmen, um sich zu vermehren, und wenn der Schwarm eine bestimmte Grösse erreicht hat, sammelt er die Bienen ein, macht ein Jungvolk daraus und verlegt es an einen anderen Standort, etwas weg vom Bienenhaus. «Würde ich das nicht tun, würden die Bienen in ihr Volk zurückkommen und andere Bienen verdrängen», so Marcel.

Für Marcel steht das Wohl seiner Tiere sowieso im Vordergrund. Als Vollzeitarbeitender mit vielen Hobbys – und einer unglaublich geduldigen und verständnisvollen Frau an seiner Seite – kann er nicht von der Imkerei leben. Und trotzdem haben seine Bienen einen ganz speziellen Platz in seinem Leben. «Es ist ein Knochenjob», gesteht mir Marcel, «aber das Bienenhaus ist meine Oase der Ruhe und Gemütlichkeit, mein Refugium.»

«Auch sieht die Zofen man, die guten, schon emsig hin und wider gehen. Denn Ihre Majestät geruhten, höchstselbst soeben aufzustehn.»

Dass es ihm eben nicht nur um den Honig, das süsse Erzeugnis seiner Bienen, geht, erlebe ich auch beim dritten Treffen. Dieses Mal sind wir nicht zu zweit, sondern etwa zu dreissigst. Es ist Imkerhöck, die monatliche Mitgliederversammlung des Imkervereins. Als Betriebsprüfer vergibt Marcel das Qualitätssiegel an Schweizer Siegelimker-Anwärter. An diesem Abend schwingt er für seine Kolleginnen und Kollegen die Grillgabel und dreht Bratwurst und Cervelats auf dem Grill hin und her.

Marcel geht es auch um den Erhalt des Imkerbrauchtums. Früher waren es meist Bauern, die sich eher zurückgezogen ihren Bienen widmeten. Heute verzeichnet der Verein regen Zuwachs. Von der Hausfrau über den Schüler bis zum Handwerker ist alles vertreten. Das jüngste Mitglied ist 14 Jahre alt, das älteste über 80. Nicht ganz unschuldig am Zulauf ist der erfolgreiche Film «More than honey» des Schweizer Regisseurs Markus Imhoof. «Es ist eine Zeit angebrochen, in der die Menschen viel mehr an Bienen denken und sich ihres Tuns auf der Welt bewusst werden», weiss Markus Niederer, Präsident des Imkervereins, zu berichten. Das freut auch Marcel. Trotzdem blicke ich an diesem Abend in mehrheitlich besorgte Gesichter.

«Und nur die alten Brummeldrohnen, gefrässig, dick und faul und dumm, die ganz umsonst im Hause wohnen, faulenzen noch im Bett herum.» Wilhelm Busch, Schnurrdiburr oder Die Bienen

Das Wetter hat dieses Jahr nicht mitgemacht. Zu kalt und zu nass war es, die Bienen fanden zu wenig Nahrung. Marcel, der in Spitzenjahren bis zu 70’000 Bienen pro Kasten hat, ist deprimiert. Ein «Pech gehabt» rutscht ihm über die Lippen. Und Pech habe auch ich. Denn zum abschliessenden vierten Treffen – ich hätte bei der Honigernte dabei sein können – kommt es leider nicht mehr.

Bis zum letzten Moment hat Marcel mit der Ernte gewartet. An einem Wochenende Mitte Juli, einem nicht besonders schönen, hat er den Honig eingesammelt und zu Hause geschleudert. So viel Honig wie in den Jahren davor würde es dieses Mal nicht geben, das war schon Anfang Sommer klar. Viel Honig war auch nicht sein Ziel. Er will gesunde Bienen, die er im Herbst einwintern und an denen er sich spätestens im nächsten Frühjahr wieder erfreuen kann.