Damit Sie hören, wo’s langgeht.

Das Warten am Bahnhof auf die nächste Zugeinfahrt ist alles andere als ruhig: Das Quietschen der Räder und Zischen der Bremsen vermischt sich mit Umgebungsgeräuschen und den Gesprächen der am Perron stehenden Reisenden. Und über deren Köpfen ertönt zusätzlich eine Stimme aus den Lautsprechern. Doch wie kommt die Stimme dahin? Wie entstehen die Durchsagen an den SOB-Bahnhöfen?

Text: Claudine Gund, Fotos: Ursel Kälin, SOB

Man könnte meinen, dass die Bahnhofsdurchsagen keine grosse Sache seien. Dafür braucht es ja nur ein Mikrofon, eine Person, die etwas hineinspricht, und schon hören die Fahrgäste am Perron die Information aus dem Lautsprecher. So einfach ist es allerdings nicht, wie ein Blick in die Telekommunikationsabteilung der SOB zeigt. 

Altes gegen neues System

Für die Durchsagen braucht es weit mehr als nur eine Sprecherin oder einen Sprecher und ein Aufnahme- und Wiedergabegerät. Bei der SOB ist das sogenannte Beschallungssystem ein Teil der Betriebstelefonanlage. Diese wiederum ermöglicht es den Zugverkehrsleitenden in der Betriebszentrale zu telefonieren, per Funk zu kommunizieren und auf das Netz des Lokpersonals zuzugreifen. Und eben auch, die Reisenden am Perron via Beschallung (also über die Lautsprecher) zu informieren.

Die heutige Betriebstelefonanlage der SOB ist seit 2009 im Einsatz. Das ist eine lange Zeit für ein System dieser Art. Nicht, dass es sich nicht bewährt hätte. Im Gegenteil: Die Hardware war damals ihrer Zeit voraus und eine der ersten der Branche, die über einen Touchscreen verfügte. Es ist üblich, dass ein solches System nach zehn Jahren sein Lebensende erreicht. Für die SOB war das Grund genug, sich dieses Jahr mit der Ersatzbeschaffung zu befassen und im Zuge deren auch die aktuelle Beschallungsanlage (also die Lautsprecher an den Bahnhöfen) und die Durchsagen zu erneuern. 

Viele Sätze, viele Wörter

Wer oft an SOB-Bahnhöfen ein- und aussteigt, dem sind die heutigen Durchsagen bestimmt schon aufgefallen. Sie sind gewöhnungsbedürftig, so viel darf man sagen, und passen nicht allen Reisenden. Die Stimme tönt alles andere als menschlich, sondern erinnert eher an ein Computerspiel.Und so abwegig ist das gar nicht. Die heutigen Durchsagen wurden zwar anfänglich von einer echten Person gesprochen, aber nachträglich unüberhörbar am Computer bearbeitet und zusammengesetzt. «Text-to-speech» nennt man dieses System, mit dem die SOB fast zehn Jahre gut zurechtgekommen ist. Deshalb dient dieses auch als Basis für das verbesserte System «Text-to-human-voice».

In den neuen Durchsagen, die ab Anfang 2018 zu hören sein werden, steckt mehr Mensch als früher. Das hat mit der Art zu tun, wie die Durchsagen aufgenommen werden. Neu hat die SOB Langtexte, also ganze Sätze, aufgenommen, nicht mehr nur einzelne Wörter oder Satzfragmente. Dafür mussten die Mitarbeitenden in der Betriebszentrale jeden erdenklichen Satz, der je an einem SOB-Bahnhof gehört werden soll, auflisten. In der Liste finden sich Aussagen wie «Einfahrt der S11 nach Biberegg, Abfahrt 05.51 Uhr», «Information zum Bahnverkehr: Die Strecke zwischen Steinerberg und Häggenschwil-Winden ist unterbrochen, Grund dafür ist eine Fahrleitungsstörung» oder auch das obligate «Wir bitten Sie um Entschuldigung».

Zwischendurch entdeckt man auch Sätze, die auf den ersten Blick nicht viel Sinn ergeben. «Information zum Bahnverkehr: Die Strecke zwischen Ziegelbrücke und Urnäsch ist unterbrochen, Grund dafür ist ein Lawinenniedergang» ist so einer. Zum einen liegen Urnäsch und Ziegelbrücke über 26 Kilometer Luftlinie auseinander. Ein Lawinenniedergang zwischen den beiden Dörfern hätte wohl verheerendere Auswirkungen als nur die Störung des SOB-Bahnverkehrs. Zum anderen fährt die SOB in Urnäsch nicht einmal vorbei. Die Aussage ist dennoch wichtig. Denn der Betriebszentrale geht es nicht darum, alle gesprochenen Langtexte auch zu verwenden. Vielmehr legt sie sich mit solchen Fantasiedurchsagen einen Topf voller Sätze und Wörter an, aus denen sie im Sonderfall eine Durchsage zusammenstellen kann.  

Vorzüge einer Frauenstimme

Die Bedingung «Flexibilität», also Durchsagen selbst zusammensetzen zu können, stellten die Mitarbeitenden der Betriebszentrale auch dem Projektleiter Armin Rechsteiner. Denn wäre das System dazu nicht fähig, müssten die Zugverkehrsleitenden z. B. eine Zugausfallmeldung alle zehn Minuten selbst sprechen. Nicht jede Person macht das gerne oder kann das gleich gut. Das neue System macht das automatisch.

Für die Stimme musste ein Profi her. Es sollte wieder eine Frauenstimme sein, denn anscheinend reagieren Reisende auf eine von einer Frau gesprochenen Verspätungsmeldung gelassener. Gefunden hat Rechsteiner die Stimme in Corinne Hobi. Sie hat fünf Tage im Studio verbracht, über 5 200 Sätze gesprochen, Wörter unterschiedlich betont – je nachdem, ob sie am Satzanfang oder in der Mitte vorkommen – und dabei viel Tee getrunken. Für die Stimmbänder. Aus den Lautsprechern wird sie frühestens Anfang 2018 zu hören sein, zunächst an allen SOB-Bahnhöfen.