Südostbahn am Gotthard

Die SOB fährt und vermarktet ab Ende 2020 die zwei Interregiolinien Basel–/Zürich–Gotthardbergstrecke–Tessin und Bern–Burgdorf–Zürich–Chur. Thomas Küchler, Vorsitzender der SOB-Geschäftsleitung, äussert sich im Interview zu den kommenden Herausforderungen und der Zusammenarbeit mit der SBB.

Interview: Tim Büchele, Foto: Marco Stolle, Grafik: Sags

Die SOB und die SBB haben im Juli 2017 eine Vereinbarung unterzeichnet und dabei eine langfristige Zusammenarbeit auf zwei Fernverkehrslinien beschlossen. Die SOB trägt die betriebliche Verantwortung, die Züge werden im Co-Branding und unter einer SBB-Fernverkehrskonzession gefahren. Vorbehalten bleibt noch die endgültige Konzessionserteilung durch das Bundesamt für Verkehr. Die Kundschaft profitiert von deutlich besseren Verbindungen und komfortableren Zügen. 

Thomas Küchler, wie kam die «kleine» SOB überhaupt auf die Idee, in den Fernverkehr einzusteigen?

«Wir wissen seit Jahren, dass wir langfristig zu klein sind, um selbstständig überleben zu können. Es ist Teil unserer Strategie, Wege für ein sinnvolles Wachstum zu sichern. Konkreter Auslöser für unser Engagement am Gotthard war unter anderem das Auslaufen der Fernverkehrskonzessionen. Ausserdem äusserten die Regionen Uri, Schwyz und Tessin starke Bedenken gegenüber dem derzeitigen SBB-Konzept: Für das Umsteigen in Erstfeld und das S-Bahn-Rollmaterial für die Fahrt über die Bergstrecke wünschen sie sich bessere Lösungen.»

Geht die SOB damit nicht hohe Risiken ein?

«So, wie die Kooperation aufgebaut ist, sind die Risiken sehr überschaubar. Die Chancen überwiegen bei Weitem. Die SOB kann Gewinne erwirtschaften, die für andere Projekte eingesetzt werden können.»

Warum hat sich die SBB auf diese Kooperation eingelassen?

«Diese Frage müsste man eigentlich der SBB stellen. Aus unserer Sicht war es so, dass die auslaufenden Konzessionen zu einer Diskussion auf nationaler Ebene führten. Mit der SOB und der BLS zeigten andere Anbieter Interesse an der Konzession. Wir spürten sehr bald, dass die SBB bereit ist, Hand zu bieten für eine Zusammenarbeit – dies aber klar unter dem Stichwort ‹Kooperation› statt ‹Konfrontation›.» 

Was hat die SBB von dieser Kooperation?

«Sie bringt sowohl den Kundinnen und Kunden als auch der SBB einen Mehrwert gegenüber heute. Die SBB profitiert unter anderem von unserer Kompetenz im Marketing, insbesondere im Linienmarketing. Und wir können dank unserem Rollmaterial kostengünstiger produzieren als die SBB. Dies ergibt für die SBB Synergien. Sie können Rollmaterial, das heute auf den beiden Fernverkehrslinien eingesetzt wird, anderweitig verwenden.»

Wie gut sind die Aussichten auf Gewinne?

«Diese sind gut, weil wir mit der SBB einen fixen Preis für das Betreiben der Linien vereinbart haben. Darin enthalten ist eine kalkulierte Gewinnmarge. Das bedingt jedoch, dass die SOB zu den kalkulierten Kosten produziert. Wir sind dank unseren genauen Berechnungen zuversichtlich, dies zu erreichen.» 

Was sind die grössten Herausforderungen, die bis 2020 auf die SOB zukommen?

«Wir müssen die Organisation fit machen für die zusätzliche Leistung wie z.B. den Aufbau des Personalbestands oder die rechtzeitige Beschaffung der Fahrzeuge.Die SOB wird sich grundlegend anders aufstellen müssen. Wir werden nicht nur die Zugskilometer auf einen Schlag verdoppeln, sondern neu auch eine eigenwirtschaftlich zu betreibende Sparte ‹Fernverkehr› haben.» 

Wo werden neue Stellen geschaffen?

«Wir werden vor allem mehr Lokführer und Zugpersonal benötigen. In anderen Bereichen wird es einzelne zusätzliche Stellen geben. In den zentralen Querschnittsfunktionen werden wir praktisch auf demselben Niveau bleiben wie heute.» 

Werden künftig auch die bisherigen SOB-Lokführer über den Gotthard fahren?

«Es ist noch nicht alles im Detail geplant. Doch es wird sehr wahrscheinlich keine unterschiedlichen Personalbereiche für Regional- und Fernverkehr geben. Das gibt neue Perspektiven für jemanden, der heute beispielsweise ‹nur› zwischen Luzern und St. Gallen hin- und herfährt und jetzt plötzlich über den Gotthard fahren kann.

Auch in anderen Berufen wird es eine attraktive Erweiterung geben. Wir sind künftig nicht mehr nur regional, sondern national tätig. Das wird das Gesicht unseres Unternehmens, aber auch die Herausforderungen wesentlich verändern. Deshalb müssen wir die SOB auch mental auf diese Veränderungen vorbereiten.» 

Was bieten die neuen Züge?

«Sie haben eine sehr hohe Laufruhe, und die bequemen Sitze bieten viel Beinfreiheit. Sie verfügen ausserdem über spezielle Familienabteile und Verpflegungsmöglichkeiten. Für ein Interregiofahrzeug setzen diese Züge völlig neue Qualitätsmassstäbe, die man bisher nur in Intercityzügen kannte.»