Abtauchen und Aufsteigen

Was tun unsere Mitarbeitenden, wenn sie sich nicht um den Bahnbetrieb kümmern? Wer verbirgt sich hinter dem Projektleiter Richard Enz und dem Leiter Flottenmanagement Martin Burkhard? Sie beide haben eine Leidenschaft: Richard besteigt die Gipfel der Berge. Martin taucht ab bis zum Grund der Gewässer. Unterschiedlicher könnten ihre Passionen nicht sein – meint man …

Text: Ramona Schwarzmann, Fotos: Richard Enz, Martin Burkhard
 

In der «Normalwelt»
Martin Burkhard arbeitet im Geschäftsbereich Verkehr als Leiter Flottenmanagement. Dieses stellt sicher, dass unsere Fahrzeuge in genügender Anzahl vorhanden und in der geforderten Qualität unterwegs sind – unter Einhaltung des vorgegebenen Budgets. Die Rollmaterialbeschaffung ist ebenfalls Kerngeschäft dieses Fachbereichs. Dazu gehört unter anderem die Beschaffung der neuen Flotte für den Voralpen-Express und den Fernverkehr.
Richard Enz ist Senior-Gesamtprojektleiter im Geschäftsbereich Infrastruktur. Auch seine Aufgaben sind vielseitig und tangieren Themen wie Technik, Umwelt und Sicherheit. Er setzt sich zudem mit Fragen rechtlicher und kommunikativer Art auseinander. Richard plant und realisiert Infrastrukturprojekte von der Studie bis zur Ausführung innerhalb der vorgeschriebenen Zielvorgaben.


Wie alles begann …
Richard Enz ist mit seinen 47 Jahren ein alter Hase – auf den Ski, versteht sich. Diese begleiten ihn, seit er laufen kann. Er bewegt sich hauptsächlich im Winter in den Bergen, bevorzugt in den Urner Alpen. Ski- und Hochtouren sind ihm am liebsten. Wandern mag er erstaunlicherweise nicht. Er schloss vor circa zehn Jahren die SAC-Tourenleiterausbildung ab und wurde dabei auf Herz und Nieren geprüft.
Martin Burkhard ist 48 Jahre alt und ein Spätzünder – so seine Worte: Er taucht «erst» seit sechs Jahren. Dafür hat es ihn richtig tief hineingezogen – wortwörtlich. Begonnen hat alles bei einem Schnuppertauchgang während seiner Ferien auf der Insel Elba. Seine Aus- und Weiterbildungen hat Martin jedoch hauptsächlich in der Schweiz absolviert – verteilt über mehrere Jahre. Die Schweiz ist ein Paradies für Taucher: Hier kann man grundsätzlich in allen Gewässern tauchen. Das bietet zahlreiche Trainingsmöglichkeiten. Besonders die Steilwände der Berge bilden unter Wasser eine beeindruckende Kulisse.


Eine gute Planung ist das A und O
Martin erklärt die verschiedenen Arten des Tauchens, die er praktiziert. Der Einstieg in die Welt des Tauchens erfolgt meistens über das Sporttauchen. Dort beträgt die Tauchtiefe in der Regel zwischen 18 und 30 Meter und reicht bis zu maximal 40 Metern hinab. Dabei besteht jederzeit die Möglichkeit, sicher aufzutauchen. Das technische Tauchen geht über die 40-Meter-Grenze hinaus. Zu jeder Zeit auftauchen ist ausgeschlossen: Aufgrund des grossen Druckunterschieds ist beim Wiederauftauchen ein Verweilen in bestimmten Wassertiefen erforderlich. Durch diese Dekompressionsstopps passt sich der Organismus beim Auftauchen schrittweise an ein niedrigeres Druckniveau an. Der während des Tauchgangs angesammelte Stickstoff im Körper des Tauchers baut sich so wieder ab. Für das technische Tauchen braucht es einiges mehr an Ausrüstung und eine intensivere Schulung. Das Höhlen- und Wracktauchen ist ein Spezialgebiet innerhalb der Welt des technischen Tauchens. Martin Burkhard hat selbst in diesen Tiefen bereits Bekanntschaft mit verschiedenen Meeresbewohnern gemacht.
Beim Bergsteigen sowie beim Tauchen ist die Planung das A und O. Tragende Elemente sind die Kenntnisse der Tauch- und Gebirgsgebiete, die Risikoanalyse und das Notfallmanagement. Das Üben von verschiedenen Notfallszenarien ist unabdingbar. Martin Burkhard plant seine Tauchgänge jeweils in der Gruppe. Die Tauchgemeinschaft berechnet dabei den Tauchgang, um den Gasvorrat und die notwendige Ausrüstung zu ermitteln. In der Vorbereitung sind viele Fragen zu beantworten und Checklisten zu prüfen.
Richard Enz besichtigt seine Skigebiete im Sommer gerne mit dem Bike. So kann er sich einen Eindruck vom Gebirge verschaffen. Wo sind Absturzstellen? Wie ist das Gelände geformt? Wo sind die Orientierungspunkte bei schlechter Sicht im Winter? Wo eignen sich Abfahrten? An welchen Punkten sind Entscheidungen gefordert, und wo kann sich Schnee ansammeln? Je nach Lawinensituation ist das enorm entscheidend. Seine eigene Checkliste hilft ihm, an alles zu denken. Im Herbst schreibt er die für den Winter geplanten Touren auf dem SAC-Portal aus. Im Winter orientiert er sich am Bulletin des Instituts für Schnee- und Lawinenforschung und informiert sich bei den lokalen Hüttenwarten. Seine Teilnehmerinnen und Teilnehmer richtig einzuschätzen, ist für einen Tourenleiter von grosser Bedeutung. Für Richard Enz heisst das: beobachten und den Kontakt zur Gruppe sicherstellen.


Das Abtauchen und Aufsteigen in eine andere Welt
Zieht Richard Enz mit seinen Tourenski eine schöne Spur den Berg hinauf, geniesst er es, dabei die Natur und sich selbst wahrzunehmen. Er ist sich bewusst, dass er beziehungsweise wir ein Teil der Natur sind und der Mensch ein «unglaubliches Wesen» ist. Das Naturerlebnis steht beim erfahrenen Tourenleiter im Vordergrund. Die Vorfreude auf die Abfahrt steigt mit zunehmenden Höhenmetern. Es ist nicht seine Absicht, in kurzer Zeit möglichst hohe Gipfel zu besteigen – viel mehr reizen ihn die technischen Herausforderungen und Touren in neuen Gebieten.
Martin Burkhard taucht ab in eine «wahnsinnige Ruhe». Er sieht es als Privileg, in diese Unterwasserwelten eintauchen zu können. Die Tiefe ist für ihn nicht entscheidend. Im Vordergrund stehen der Genuss und ein gewisser Kick. Seine Augen leuchten, während er davon erzählt. Das Gefühl zu beschreiben, fällt ihm schwer. Vielleicht müssen wir auch nicht alles in Worte fassen.
Richard Enz und Martin Burkhard bewegen sich in Welten, zu denen nur wenige Menschen Zugang haben. Sie haben viel dafür investiert – sei es in die körperliche Leistungsfähigkeit, in die mentale Stärke oder in die technischen Fähigkeiten. Die beiden haben viel Wissen und Erfahrung gesammelt, was sie befähigt, in andere Welten abzutauchen oder aufzusteigen. Tauchen und Bergsteigen auf diesem Niveau ist auf eine gewisse Weise risikoreich – das ist unbestreitbar. Sie haben sich Schritt für Schritt herangearbeitet und ihre Freizeitaktivitäten zu einer gut beherrschbaren und kalkulierbaren Sache gemacht. Beide kennen ihre Grenzen genau. Sie wissen, wie wichtig es ist, ehrlich zu sich selbst zu sein.


Die Sinnhaftigkeit im Tun
Unter kontrollierten Bedingungen an die eigenen Grenzen zu gehen, heisst, das Leben zu schätzen. Richard Enz und Martin Burkhard wagen viel, möglicherweise mehr als andere. Martin findet unter Wasser Ruhe und einen Zustand, der für ihn an Land unauffindbar ist. Richard schaut auf verschneite Berggipfel, und es löst in ihm unbeschreiblich schöne Gefühle aus.


Auftauchen und Abfahren – zurück in die «Normalwelt»
Die Rückkehr auf den Boden der Tatsachen geschieht stufenweise – bei beiden. Beim Aufstieg an die Wasseroberfläche führt Martin Burkhard sogenannte Dekompressionsstopps durch. Wieder zurück an Land, fühlt er sich befreit, hat den Alltag vergessen und Distanz gewonnen. In seinen Worten: «Der RAM-Speicher ist leer.»
Richard Enz ist mit den Ski meist schneller im Tal, als er hochgestiegen ist. Er braucht Zeit, um sich wieder an die Alltagswelt zu akklimatisieren. Nach den Touren meidet er oft grosse Menschenmengen. Die Reizüberflutung würde die Befriedigung und das energiebringende Gefühl überdecken. «In den Bergen rege ich mein ‹inneres System› an und richte es neu aus», erklärt Richard. Mit geordneten Gedanken kehrt er zurück in den Alltag.
Ihre Leidenschaft hat Einfluss auf alle Lebensbereiche. Richard und Martin bewahren in kniffligen Situationen einen kühlen Kopf. Sie wissen: Sowohl privat als auch beruflich ist eine gute Planung hilfreich. In den Bergen und in der Tiefe ist es unmöglich, die Verantwortung für sich und die Gruppe abzuschieben. Beide haben gelernt, ihre Gedankenmuster zu beeinflussen – nach dem Motto «Es gibt keine Probleme, sondern nur Lösungen». Sich Herausforderungen stellen, diese meistern und nach neuen Möglichkeiten suchen – das gefällt ihnen. Ihre Ziele haben sie vor Augen. Sie wissen, welche Schritte zu unternehmen sind, um diese zu erreichen.

Beide wahren ihr Geheimnis – seien es die besonderen Gefühle oder die atemberaubenden Bilder. Sie nehmen ihre Emotionen mit nach Hause. Fotografien machen sie kaum. Viel wichtiger sind ihnen Erinnerungen, Eindrücke und das Gefühl des Moments. Sie nehmen ihre Umgebung wahr, beleben ihre Sinne und geniessen – das sind die Höhepunkte. Denn das Hier und Jetzt zählt.