Unkraut vergeht nicht ...

… oder doch? Pflanzen entlang der Strecke können eine Gefahr darstellen, wenn sie sich in der Fahrbahn ausbreiten. Sie destabilisieren das Gleis und erschweren den Gleisarbeitern ihre Arbeit. Für die Bekämpfung der Pflanzen setzt die SOB sowohl bewährte als auch innovative Methoden ein. 

Text und Fotos: Ramona Tiefenthal 

Das Schweizer Schienennetz hat eine weltweit einzigartige Verkehrsdichte und wird mit Geschwindigkeiten bis zu 250 km/h befahren. Dadurch sind die Anforderungen an die Infrastruktur sehr hoch. Sie muss stets einwandfrei sein. Die Entfernung von Pflanzen entlang der Fahrbahn spielt dabei eine wichtige Rolle.

Eine Achterbahn
Als besonders hartnäckig erweist sich im Bereich des Schotterbetts der Schachtelhalm – besser bekannt als «Katzenschwanz». Die SOB ist im Kampf gegen das Unkraut gut gerüstet. Mit immer neuen Ideen versucht sie, die Balance zwischen optimaler Fahrbahnpflege und geringer Umweltbelastung zu halten. 
Durch die spezielle Form des Schotters berühren sich die einzelnen Steine auf unzähligen kleinen Flächen. Dank den Hohlräumen, die dabei entstehen, ist das Schotterbett elastisch und behält trotz der starken Belastung seine Geometrie. Werden die Hohlräume durch Pflanzen und Humus ausgefüllt, geht diese Elastizität verloren. Verformungen, die dann durch die Krafteinwirkung der darüberfahrenden Züge entstehen, werden permanent, da sich das Schotterbett nicht mehr «zurückbewegen» kann. So entwickelt sich das Gleis im Laufe der Zeit zu einer regelrechten Achterbahn.
Für Arbeiten im Gleisbereich birgt eine zu hohe Vegetation ebenfalls Risiken. Pflanzen im Schotterbett verbergen nicht nur die Sicht auf Zwergsignale, sie sind auch Stolper- und Rutschgefahren. Somit steigen durch eine Vernachlässigung der Vegetationskontrolle nicht nur die Unterhaltskosten der Infrastruktur, sondern auch das Risiko von Unfällen bei Gleisarbeiten.


Strenge Auflagen und moderne Technik
Der Einsatz chemischer Mittel im Gleisbereich ist streng geregelt. Aktuell ist gegen Pflanzen im Schotter nur das Herbizid Glyphosat zugelassen, das auch die SOB verwendet. Als sogenanntes «Blattherbizid» wirkt es ausschliesslich dort, wo bereits Vegetation mit Blättern vorhanden ist. Ohne vorhandene Blätter – als «Wurzelherbizid» – würde sich keine Wirkung zeigen. Durch die gezielte Bekämpfung an bereits befallenen Stellen kann die SOB die Umweltbelastung gering halten. Lange war diese Einzelpflanzenbehandlung nur manuell, zum Beispiel mit Rückenspritzen, möglich. Seit zwei Jahren gibt es allerdings ein Fahrzeug mit optischer Pflanzenerkennung. Die eingebauten Infrarotsensoren in der Wagenmitte erkennen beim Abfahren der Strecke, ob und wo sich im Schotterbett Pflanzen befinden. An beiden Enden des Fahrzeugs befinden sich Düsen, die die unmittelbar vorher «gescannten» Pflanzen besprühen. Dieses Fahrzeug ist bei der SOB erstmals im Sommer 2017 zum Einsatz gekommen und befindet sich zurzeit noch in der Versuchsphase.


Handarbeit für den Umweltschutz
Im Bereich der Landwirtschaft sind zahlreiche Herbizide zugelassen, da in den Böden viel Humus vorhanden ist, dessen organische Bestandteile diese Mittel schnell abbauen. Im Schotterbett der Bahn ist jedoch kein Humus vorhanden und, wie vorgängig beschrieben, auch nicht erwünscht. Deshalb bauen sich Herbizide viel langsamer ab, und ausschliesslich der Einsatz von Glyphosat ist erlaubt. Im Vergleich zu anderen Herbiziden wird dieses im Boden deutlich schneller abgebaut, was eine hohe Sicherheit gegenüber Grundwasserverschmutzungen und verschiedenen Wasserorganismen, wie zum Beispiel Amphibien, gewährleistet. Das Mittel ist gegen die meisten Pflanzen wirksam, jedoch nicht gegen den Schachtelhalm. Dieser lässt sich bisher nur jäten.
Seit den 1990er-Jahren hat die chemische Vegetationskontrolle grosse Fortschritte vorzuweisen. Davor sind Wurzelherbizide zum Einsatz gekommen, mit denen die Bahnunternehmen ganze Strecken bespritzt haben. Dieses Vorgehen war zwar äusserst wirksam, aber gleichzeitig war die Umweltbelastung sehr hoch. Im Laufe der 1990er-Jahre ist die Aufmerksamkeit für den Umweltschutz stark gestiegen. Das hat zu grossen Einschränkungen der Herbizidanwendung geführt und viele Überlegungen angeregt, wie man auf umweltschonende Weise eine gute Wirkung erzielen kann – auch bei der SOB.


Feuer, Wasser – und Salz
Die SOB tüftelt derzeit an verschiedenen Verfahren, um umweltschonendere Alternativen zum Glyphosat zu entwickeln. Dazu gehören einerseits präventive bauliche Lösungen: Wie kann sie ihre Strecke umbauen, sodass in Zukunft weniger Bewuchs aufkommt? Wie kann sie eine gute Entwässerung gewährleisten, damit der Oberbau trocken bleibt und weniger Pflanzen gedeihen? Bei Neubaustrecken bietet sich beispielsweise der Einbau einer Sperrschicht aus Asphalt an, sodass Pflanzen nicht oder kaum mehr wachsen können. Einzig der Samenflug von umliegenden Pflanzen kann dann noch Vegetation ins Schotterbett einbringen. Von unten, von den Wurzeln her, kommt keine Vegetation mehr durch.
Neben der Vorsorge prüft die SOB verschiedene Verfahren zur Bekämpfung von bereits vorhandener Vegetation: vom Abbrennen über manuelles Jäten und den Einsatz von Wasserdampf bis hin zum Sprühen von Salzlösungen.
Als wirksamste Methode aus diesen Versuchen hat sich die Behandlung mit Salz erwiesen. Bei Testreihen im Sommer 2017 hat das punktuelle Besprühen mit NaCl (Natriumchlorid, besser bekannt als Kochsalz) nicht nur gute Ergebnisse bei der Bekämpfung des Schachtelhalms erzielt, es ist auch ökologisch unbedenklich. Zum Vergleich: Die wirksame Salzmenge pro Laufmeter ist zehnmal tiefer als beim Winterdienst auf Kantonsstrassen – im Vergleich zu Nationalstrassen sogar bis zu 40-mal. 


Wer hats erfunden?
In ausführlichen Tests hat die SOB in den vergangenen zwei Jahren die Wirksamkeit der Salzlösung gegen den Schachtelhalm untersucht. Dazu hat sie auf dem Baudienstfahrzeug «Robel» einen Tank mit in Wasser gelöstem Salz befestigt. Ein SOB-Mitarbeiter hat speziell für diesen Einsatz eine Düsenvorrichtung entwickelt, die am schwenkbaren Arm des Fahrzeugs angebracht wird. So können die bewachsenen Stellen vom Fahrzeug aus gezielt besprüht werden. Ähnlich wie beim Glyphosat behandelt die SOB nur die tatsächlich bewachsenen Abschnitte, um die Umweltbelastung auf das Minimum zu reduzieren.
Ausschlaggebende Faktoren sind der Zeitpunkt der Behandlung und die Dosierung der Salzlösung. Durch unterschiedlich hohe Fahrgeschwindigkeit während des Besprühens ändert sich die Dosierung des Salzes pro Quadratmeter. Zudem hat die SOB die Tests zu verschiedenen Jahreszeiten ausgeführt. Durch die Auswertung der einzelnen Testabschnitte kann sie das Verfahren in Zukunft weiterhin optimieren und so ihren Beitrag zu einem sicheren Zugverkehr und einer reduzierten Umweltbelastung leisten. Denn nur mit einer stetigen Weiterentwicklung und immer neuen Ideen erreicht sie ein hervorragendes Verhältnis zwischen Umweltschutz und Sicherheit des Bahnbetriebs.