Wettlauf mit Frau Holle

Wenn draussen Millionen von Schneeflocken tanzend auf den Boden fallen, kann es für Bahnreisende und den Zugverkehr schon mal ungemütlich werden. Wird es bei der Südostbahn aber nur ganz selten, dank dem gut organisierten Winterdienst.

Text: Brigitte Baur

Es ist für die Männer vom Winterdienst bei der SOB jedes Jahr dasselbe: plötzlicher Wintereinbruch mit anhaltendem Schneefall und Glatteis. Wenn dann Schnee die Perrons, Gleise, Weichen, Parkplätze oder Fussgängerwege an den Haltestellen und Bahnhöfen der SOB unter sich begräbt, stehen 34 Personen bei einem vollen Winterdienstaufgebot im Einsatz. Sie arbeiten unermüdlich zwischen November und April mit Schneefräsen oder leistungsstarken Schneepflügen für die Sicherheit unserer Fahrgäste und Züge. Will Frau Holle nicht aufhören, ihre Betten auszuschütteln, dann können die Räumungsarbeiten schon mal von frühmorgens bis in den späten Abend andauern. Denn der Wettkampf gegen die weisse Pracht hat nur ein Ziel: Unsere Reisenden sollen auch bei winterlichen Verhältnissen pünktlich und sicher ankommen.

Frau Holle schüttelt auch an Weihnachten aus
In Zahlen bedeutet das für die 34 «Schneemänner» der SOB, 123 Gleiskilometer und 34 grössere und kleinere SOB-Haltestellen von Schnee und Eis zu befreien, und dies zwischen dem höchst gelegenen Ort Biberegg (933 m ü. M.) und Romanshorn, dem tiefst gelegenen Ort an der SOB-Strecke auf 399 m ü. M. Diese Daten lassen erahnen, welche Mammutaufgabe die Mitarbeiter im Winterdienst vor allem bei widrigen Umständen zu bewältigen haben. Schlägt das Wetter um, müssen die Männer los – mitten in der Nacht, egal, ob an Weihnachten oder Silvester. Eine verantwortungsvolle Aufgabe. Fragt sich nun: Wie erfahren die Verantwortlichen, ob es den leistungsstarken Schneepflug oder nur die Schneeschaufel und eine Handvoll Splitt braucht? Wer weiss zuverlässig, ob es in Einsiedeln schneit und in Wittenbach nur regnet?

Erfahrene «Schneeschmöcker»
Die Bahnstrecke der SOB ist in ein Ost- und ein Südnetz unterteilt und wird rund um die Uhr von der Betriebszentrale überwacht. Das Ostnetz verläuft von Romanshorn über Herisau bis Nesslau-Neu St. Johann, das Südnetz beginnt nach Rapperswil und endet in Arth-Goldau, inklusive der Bahnstrecke Einsiedeln bis Wädenswil.

Schneit es auch in der Nacht grosse Mengen Schnee über Gleise und Perron, meldet sich in erster Instanz die SOB-Betriebszentrale beim zuständigen Winterdienstleiter. Sie stützt sich dabei auf zuverlässige Quellen: Scheppern die ersten Schneeräumfahrzeuge der Gemeinden nachts über das Kopfsteinpflaster, informieren diese die Betriebszentrale der SOB, die umgehend den Einsatzleiter aufbietet. Überraschend kommen diese Aufrufe nicht, da die Mitarbeitenden im Winterdienst und in der Betriebszentrale stets den Wetterbericht im Auge behalten.

Wichtige Informationen zum aktuellen Schneebericht erfahren die Verantwortlichen untertags auch vom Lok- und Zugpersonal. Dieses meldet bei der Durchfahrt, ob Bahnhöfe und Haltestellen bereits geräumt wurden, und informieren die Betriebszentrale, ob weitere Einsätze nötig sind. In gewissen Regionen hilft auch moderne Technik weiter: Webcams, die im Internet abrufbar sind, zeigen in Echtzeit, an welchen Orten bereits Schnee liegt und wo es zur gleichen Zeit nur leicht regnet.

So verschieden die Informanten auch sind, bei akutem Schneefall gilt: Klingelt das Telefon, heisst das für die Einsatzleiter und ihr aufgebotenes Team: sofort warm anziehen. Arbeitsbeginn ist spätestens um vier Uhr früh. Denn: Gleise und vereiste Weichen müssen in der Nachtbetriebspause der Bahn von den Schneemassen befreit werden, ansonsten drohen bereits am Morgen die ersten Zugsverspätungen.

Schneeschaufeln nach Priorität
Bei starkem Schneefall oder Schneeglätte ist es unmöglich, alle Bahnhöfe und Haltestellen auf dem Streckennetz gleichzeitig zu sichern. Deshalb wird die Priorität der Schneeräumung in deren Dringlichkeit festgelegt: Erste Priorität haben die Gleise und die Weichen, damit die Züge sicher und pünktlich fahren. Zweite Priorität haben Bahnhöfe und kleinere Haltestellen, deren Perrons ohne Bedachung ausgestattet sind. Dritte Priorität haben die bedachten Bahnhöfe.

Für die Schneeräumung hat jedes Gerät eine eigene Funktion. Die wendigen Schneefräsen schleudern die Schneemassen von Perrons und Fussgängerwegen, die traditionelle Schneeschaufel wird bei Treppen und kleinen Flächen eingesetzt. Auf Gleisen und Weichen kommt der «Robel» zum Einsatz: Dazu wird die universelle Gleisbaulokomotive mit einem Schneepflug und einer grossen Bürste ausgestattet.

Doch nicht nur Neuschnee bei Tag und Nacht verursacht Arbeit. Auch Eisbrocken, die sich während der Fahrt durch gefrorenen Flugschnee unter den Zügen bilden, müssen entfernt werden. Fährt der Zug über eine Weiche, können sich diese Eisbrocken lösen und sich zwischen Weiche und Gleis verklemmen. Dagegen hilft kein Pflug und keine Weichenheizung – nur noch Manneskraft und Schaufeln, Wischen und Hacken.

Splitten statt salzen
Auftaumittel wie Streusalz setzt die SOB auf ihren Bahnhöfen und Haltestellen nur auf kleinen Flächen wie Treppen oder Zugängen ein. Eine gute Alternative ist der Einsatz von Streusplitt. Die kleinen spitzigen Steinchen minimieren die Rutschgefahr, müssen aber – im Gegensatz zu Streusalz – bei Tauwetter wieder weggewischt werden. Ein grosser Vorteil von Streusplitt liegt darin, dass dieser auch auf Perrons angewendet werden kann. Streusalz zerfrisst auf Dauer die Abschlüsse der porösen Betonkanten.

Der nächste Winter kommt bestimmt
Was uns der Winter 2020 auch bringen mag: Wer trotz Schnee und Eis sicher und pünktlich mit der SOB ans Ziel kommt, verdankt dies auch den Leuten vom Winterdienst. Sie stehen mitten in der Nacht auf und befreien Gleise, Perrons, Treppen oder Gehwege an Bahnhöfen und Haltestellen von Schnee und Eis, während sich viele Menschen unter der warmen Decke nochmals umdrehen.