Auftrag: Wohlfühlatmosphäre schaffen

Peter Bruderer ist einer der Schweizer Bahnspezialisten in Sachen Konstruktion und Herstellung von Zügen. Er ist als Flottenmanager für die Beschaffung des neuen Rollmaterials für den Voralpen-Express verantwortlich. Nicht alltäglich dieses Projekt und ein Fulltime-Job, unter dem man sich vorerst vielleicht wenig vorstellen kann.

Text: Nicole Wolf
Fotos: Claudine Roth und SOB

Peter strahlt eine angenehme Ruhe aus. Seine Wortwahl ist besonnen und überlegt. Er wirkt wie ein vertrauenswürdiger Arzt. Dies kommt mir zumindest in den Sinn, als wir das Gespräch beginnen. Ein Berufsporträt soll es werden. Als Peter über seinen beruflichen Werdegang zu berichten beginnt, erinnert die Situation an ein Bewerbungsgespräch, was uns amüsiert. Spontan fällt mir die merkwürdigste Frage ein, die mir bei einem Bewerbungsgespräch je gestellt wurde: «Welches Tier wären Sie gerne?» Peter erheitert diese Frage. Mich erstaunt seine Antwort. Später nicht mehr, denn Peters Vielseitigkeit ist einzigartig, wie ich feststellen werde. Zur Beantwortung der Frage aber später, vordergründig interessiert jetzt: Was ist Peters Aufgabe bei der SOB? Wie kam er zu dieser ungewöhnlichen Tätigkeit?

Auf den Boden gekommen

Ein Tüftler war er immer. Vor allem der Leichtbau hatte es ihm bereits in jungen Jahren angetan, schildert er. So fiel seine Studienwahl auf Maschinenbau: Spezialisierung Flugzeugbau, Vertiefung Leichtbau. Einer der heutigen Schweizer Bahnfachleute studientechnisch spezialisiert auf Flugzeugbau? Richtig. Die Technologie faszinierte ihn, weniger das Fliegen selbst, und wie der Zufall oft spielt: Die FFA (Flug- und Fahrzeugwerke Altenrhein AG), bei der er nach dem Studium zu arbeiten begann, schloss ihre Abteilung für Flugzeugbau. Daraufhin bekam Peter das Angebot, in den Schienenfahrzeugbereich zu wechseln. So landete er bei der Bahn und sprichwörtlich «von der Luft kommend auf dem Boden». Seine Vorliebe für aussergewöhnliche technische Lösungen konnte er hier genauso ausleben, denn auch im Bahnbetrieb ist es notwendig, möglichst leicht zu bauen.

Im Laufe seiner Karriere durchlief er so manche Station. Bevor er zur SOB wechselte, arbeitete er unter anderem bei der Alusuisse Road & Rail AG, der Schindler Waggon AG und der Stadler Rail AG. Tätig als Projektleiter im Inund Ausland, unterstützte respektive leitete er die Entwicklung des NPZ (Neuer Pendelzug, der im Nahverkehr eingesetzt wird), des SBB-Panoramawagens sowie des Flirt. Nach 14 Jahren bei Stadler reizte ihn ein Angebot der SOB. Er erhielt die Chance, als Projektleiter in ein einmaliges Projekt einzusteigen: die Beschaffung und Einführung des neuen Rollmaterials für den Voralpen-Express. Peter wagte den Schritt.

Stets in Bewegung

Seit zwei Jahren widmet er sich nun diesem Mammutprojekt und fühlt sich rundum wohl, was wichtig ist, denn letztlich ist sein Kernauftrag, eine Wohlfühlatmosphäre im neuen Voralpen-Express zu schaffen. Die Wagen müssen einen einzigartigen Komfort bieten, um den Ansprüchen des Touristen oder Tagesausflüglers genauso gerecht zu werden, wie jenen des Pendlers. Der Fahrgast soll maximale Bequemlichkeit für seine individuellen Bedürfnisse vorfinden, Verpflegungsmöglichkeiten nützen können und sich schlicht und einfach wie in einem Wohnzimmer fühlen.

Peters Job ist vielseitig und verändert sich von Projektphase zu Projektphase teilweise komplett. Es gilt, innovatives Rollmaterial auf das Papier und vom Papier auf die Schiene zu bringen. Projektmanagement, Projektdokumentation, Finanzierungsgesuche (Bund und Bestellerkantone), Kostenüberwachung, Terminkoordination und -überwachung, Risikomanagement und Risikoanalyse gehören zu seinen Aufgaben, um nur einige zu nennen. Kurz zusammengefasst: Peter ist die Schnittstelle zwischen den verschiedenen Projektbeteiligten.

Intern ist er in engem Kontakt mit Fachkommissionen und Fachstellen der diversen Geschäftsbereiche. Ganz besonders schätzt er die Zusammenarbeit mit dem Lok- und Zugpersonal, da dieses wichtige Infos für die Konzeption liefert. So wird z.B. der Lokführerstand ganz nach den Wünschen und Bedürfnissen des Lokpersonals gestaltet. Ebenfalls interessant ist die Arbeit mit dem Reinigungspersonal, vor allem die Auswahl der verschiedenen Produkte für die Oberflächen und Sitze sowie die gemeinsamen Versuche und Tests, z.B. dazu, welche Reinigungsmittel am effizientesten funktionieren. Nicht zu vergessen ist auch der kreative Prozess mit internen und externen Projektpartnern, was die Erarbeitung des Designs und Komforts der Innenausstattung oder die Farbauswahl für das neue äussere Erscheinungsbild betrifft. Über die Farbe schmunzelt Peter, denn eine eigens dafür kreierte ist in Entwicklung. Eine Kombination, die bis dato noch nicht durchs Land gefahren ist.

Nicht zu glauben, aber Peter hat an weiteren Fäden zu ziehen: Mit im Boot, oder besser im Wagen, sind auch externe Fachspezialisten, Ingenieurbüros, Kooperationspartner, Behindertenverbände und Anwälte. Als Projektverantwortlicher hat er mit den unterschiedlichsten Menschen zu tun. «Zu guter Letzt ist es immer Teamwork», quittiert er. Peter ist gerne Generalist, nicht bünzlig und übergenau. Seine Arbeitsweise beschreibt er als integrativ. Nicht alleine entscheiden, Konsens im Team schaffen, Leute beteiligen, das ist ihm wichtig. Das gemeinsame Schaffen empfindet er bei der SOB als einzigartig und schätzt er sehr.

Nächstes Jahr wird ein gemeinsamer Meilenstein erreicht: die Fertigstellung der ersten Fahrzeuge. Dann heisst es nicht mehr nur am Schreibtisch sitzen, sondern es geht ab ins Feld. Ein Jahr lang werden die Fahrzeuge bis ins kleinste Detail getestet. Sind die Züge dann im Betrieb, ist nicht Schluss mit der Arbeit am Rollmaterial. «Bis zu meiner Pensionierung habe ich noch genug zu tun», schliesst Peter heiter ab.

Abseits der Gleise

Bei der Frage, was der Privatmensch Peter Bruderer in seiner Freizeit so mache, lacht er und meint: «Ich habe vier Kinder, die halten mich auf Trab.» Und so nebenbei rückt er mit einem speziellen Faible raus: Der Blues hat es ihm angetan, er organisiert sogar Blueskonzerte für teilweise über 100 Zuschauer. Wow! Wie vielseitig, Kompliment. Apropos Vielseitigkeit: Das bringt uns zurück zur Frage «Welches Tier wären Sie gerne?». Ein Schmunzeln lässt sein Gesicht erstrahlen, und er antwortet: «Ein Wildschwein.» Mit viel war zu rechnen, aber ein Wildschwein? Ja genau! Er hat in jungen Jahren Wildschweine beim Schloss Laufen gehütet. «Faszinierende Tiere. Einfach fesselnd, wie sie ihr Dasein geniessen, sich suhlen, ihre Unabhängigkeit, Weisheit und Lebenskraft zeigen», sinniert Peter. Mich fasziniert Peters Mannigfaltigkeit. Das Gespräch steckte für mich wirklich voller Überraschungen. Die einzige Überraschung, die jetzt noch bleibt, ist, mit welcher Farbe der Voralpen-Express ab 2019 durch die Schweiz düst … doch das wird nicht verraten.

Die SOB sucht immer wieder Fachkräfte aus der öV-Branche und technisch- und bahnorientierte Spezialisten. Mehr dazu unter http://www.sob.ch/stellen.html.

Anzahl der neu beschafften Fahrzeuge:

6 Voralpen-Express-Züge
5 S-Bahn-Züge
Gesamtinvestition: 170 Millionen Franken