Schienen auf den Zahn gefühlt

Fahrbahnpflege ist ein bisschen wie Zähne putzen. Durch die regelmässige Behandlung der Schienen, des Schotters und der Schwellen erhöht die SOB deren Lebensdauer und senkt langfristig die Kosten. Ein besonderes Augenmerk gilt den Schienen, die die ganze Last der Züge tragen.

Text: Denise Debrunner
Fotos: Daniel Frei, Denise Debrunner 

Wer regelmässig Zähne putzt, kann sich länger über gesunde Zähne freuen, den Zahnarztbesuch vermeiden und so das Portemonnaie schonen. Ähnliches gilt für unsere Fahrbahn. Die SOB-Schienen haben eine durchschnittliche Lebenserwartung von 20 Jahren. Damit sie dieses Alter erreichen, werden sie regelmässig geschliffen, um Oberflächenschäden (Rillen, andere Unebenheiten, Risse usw.) frühzeitig auszubessern. Kleine Schienenschäden verschlechtern die Laufruhe der Fahrzeuge und nutzen die ganze Fahrbahn (Schienen, Schotter und Schwellen) stärker ab. Ein guter Zustand der Schienen zahlt sich also langfristig aus. 

In Form bringen

Neue Schienen verfügen über eine Walzhaut, die weg muss, bevor die ersten Züge fahren. Die Walzhaut schützt die Schienen beim Transport und Einbau vor äusseren Umwelteinflüssen, wie der Zahnschmelz die Zähne. Wenn die Schienen ab Werk geliefert werden, weisen sie am Schienenkopf einen sogenannten 13er-Kopfradius auf. Die SOB strebt allerdings einen 16er-Kopfradius an, da die Züge, die darüber fahren, ein besseres Laufverhalten haben und die Gleise und Räder deutlich weniger abnutzen. Deshalb müssen wir die Schienen erstmals kurz nach dem Einbau in die gewünschte Form bringen und die Walzhaut abschleifen.

Jeder Schienenkilometer wird mindestens alle vier Jahre geschliffen, damit das Schienen-«Karies» (Risse, Rillen, Riffel und Ausbrüche) entfernt wird und keine grösseren Schäden – im schlimmsten Fall Schienenbrüche – verursachen kann. Beim Schleifen wird die Schienenoberfläche zuerst rauer und die Fettrückstände auf den Schienen werden weggeschliffen. Das Fett sorgt für ein ruhigeres Fahrverhalten und weniger Lärm. Nach dem Schleifen sind die Züge deshalb für kurze Zeit lauter. Jeder Zug schmiert die Schienen wieder etwas nach und poliert die Oberfläche, sodass die Geräuschemissionen nach wenigen Wochen deutlich sinken. 

On parle français

Geschliffen wird maschinell. Jeden Herbst ist der «Grizzly» auf unserem Streckennetz unterwegs. Der «Grizzly» ist ein 2500 PS starker Schleifzug, den wir jeweils für zwei Wochen im Jahr mieten. Während dieser Zeit bringt er 30 bis 40 Kilometer Gleis wieder in Form. Seinen Einsatz planen wir von langer Hand, damit der «Grizzly» wirtschaftlich unterwegs ist. Bei einem dieser Nachteinsätze zwischen Mogelsberg und Brunnadern-Neckertal haben wir den Schleifzug begleitet. 

On parle français

Bevor der «Grizzly» mit seiner Arbeit beginnt, kontrollieren Edi Souidi und sein Team aus Lausanne die Maschinen. Der Zeitplan ist eng, denn eine Störung am «Grizzly» könnte im schlimmsten Fall am kommenden Morgen zu Verspätungen im Zugverkehr führen. Neben der Überprüfung der Schleifsteine darf ein kurzer Funktionscheck der Kaffeemaschine nicht fehlen, denn die «Grizzly-Equipe» arbeitet nachts. Für die SOB ist an diesem Abend Dragan Popadic vom Fahrbahnteam Herisau dabei. Wenn Edi mit ihm kommuniziert, wechselt er auf Deutsch. Nachdem der letzte Zug die Strecke passiert hat, kontaktiert Dragan die SOB-Betriebszentrale. Zeigen die Signale freie Fahrt für den Schleifzug, setzt er sich in Bewegung. 

Millimetergenaue Arbeit

Im Führerstand herrscht hohe Konzentration. Der «Grizzly» darf die Zugsicherungsanlagen zwischen den Gleisen weder beschädigen noch herausreissen. Deshalb weist Dragan Edi auf heikle Stellen hin und hilft beim Programmieren der Hindernisse und Signale. Am Schleiftisch daneben kontrolliert ein Teammitglied die Schleifsteine. 48 grobe und 10 feine Steine sind auf dem fünfteiligen Gefährt versetzt montiert, sodass die Schienen von allen Seiten geschliffen werden. Die Steine verursachen dabei kein quietschendes, sondern ein tiefes, brummendes – und in Anbetracht der Grösse des «Grizzlys» – überraschend leises Geräusch. Computerbildschirme zeichnen die Arbeiten genau auf. Auf diesen Bildschirmen vergleicht Edi das Schleifergebnis mit dem Sollzustand. 

Nächster Einsatz des «Funkenzugs»

Je nach Beschädigungsbild am Gleis fährt der «Grizzly» bis zu sechs Mal über einen Streckenabschnitt. Das abgeschliffene Material sammelt sich in Schlackegebilden, die auf das Gleis fallen. Diese werden von der «Grizzly-Equipe» von Hand eingesammelt. Der Schleifzug verfügt zusätzlich über einen Staubsauger, der feinere Partikel einsaugt. Nur ein kleiner Teil verglüht im imposanten Funkenregen. Bei der letzten Durchfahrt des «Grizzly» erfolgt der Feinschliff.

In dieser Nachtschicht hat der Schleifzug sein Pensum nicht geschafft – es musste mehr weggeschliffen werden, als auf den ersten Blick ersichtlich war. Die fehlenden Kilometer wird er in den kommenden Nächten bearbeiten. Sobald der «Grizzly» seine Parkposition erreicht hat, ruft Dragan unsere Betriebszentrale an, um die Strecke freizugeben. Wenige Minuten später schmiert der erste Zug die frisch geschliffenen Schienen auf seinem Weg Richtung St. Gallen.