Ade Klischee

Der Winnetou-Erfinder Karl May ist schuld daran, dass unser Mitarbeiter Marcel Stutz mit dem Töff 15 000 Kilometer zurückgelegt hat. Der bekannte Autor schrieb unter anderem das Buch «Durchs wilde Kurdistan». Marcel las es als Kind, und selbst bis ins Erwachsenenalter blieb es ihm in Erinnerung. Er kam nicht von der Idee los, einmal das wilde Kurdistan zu bereisen. «Und warum nicht gleich mit dem Töff?», dachte er sich.
Text: Nicole Wolf, Fotos: Marcel Stutz

Marcel ist Mitarbeiter unserer Abteilung für Qualität, Risiko, Sicherheit und Umwelt (QRSU). Der 60-Jährige arbeitet Teilzeit und ist für die Arbeitssicherheit sowie den Gesundheitsschutz verantwortlich. Letztes Jahr ermöglichte ihm die Südostbahn, sich einen Bubentraum zu erfüllen: Innerhalb eines halben Jahres konnte er ein Zeitguthaben aufbauen, indem er 100 statt 50 Prozent arbeitete, um eine ungewöhnliche achtwöchige Reise in den Iran zu unternehmen. Mit einer Campingausrüstung, Ersatzteilen, Werkzeug und ein bisschen Kleidung im Gepäck führte ihn seine Reise mit dem Töff über den verschneiten San Bernardino nach Venedig, weiter mit der Fähre nach Griechenland und über den Bosporus quer durch die Türkei in den Iran. Dort angelangt fuhr er vorbei am Berg Ararat durch die Provinzen Aserbaidschan Ost und West nach Kurdistan an die irakische Grenze. Überwältigt von der grandiosen Landschaft Kurdistans, ging es für ihn weiter über Kermanschah, Isfahan, Shiraz, Persepolis und Yazd in die Wüste Dashte Kavir, über das Elburs-Gebirge ans Kaspische Meer und entlang der Schwarzmeerküste wieder zurück in die Heimat. Die ersten elf Tage war er mit einem anderen Schweizer unterwegs, danach war Marcel auf sich alleine gestellt.

Positive Erlebnisse, die prägen
Am Beginn der Reise hatten beide vor allem vor dem iranischen Zoll grossen Respekt. Es war nicht ganz unkompliziert, da sie ihre – für das Land aussergewöhnlichen – Fahrzeuge temporär einführen mussten. Am Zoll klappte es allerdings besser als erwartet. Vom Leiter wurden sie mit Handschlag und einem «Welcome to Iran» begrüsst. Beim Interview mit mir schmunzelt Marcel und meint: «Eine so freundliche Begrüssung habe ich bei einem Schweizer Zöllner noch nie erlebt.» Seine dunklen Augen leuchten und blitzen, wenn er von diesem Abenteuer erzählt. Zu jedem Foto, das er mir die nächsten zwei Stunden zeigt, kann er eine Geschichte erzählen, so viel habe er erlebt. Es ist ihm anzumerken, dass er durch all die Erlebnisse auch menschlich gewachsen ist. Marcel wirkt im ersten Moment fast ein bisschen ernst, aber seine Mimik verrät, dass ihm der Schalk im Nacken sitzt. Das ungewöhnliche Reiseziel, das gewählte Transportmittel und die Dauer der Reise machen mich neugierig … und lassen mich kurz abschweifen: Wenn ich an den Iran denke, kommt mir eine Flugreise nach Bangladesch in den Sinn. Die Flugroute führte über Teheran. Vom Flugzeug aus erblickte ich die nächtlich erleuchtete Stadt, und ein bisschen melancholisch fragte ich mich: «Wie es wohl dort unten zugeht?» Aber warum nur dachte ich das? Was erweckt das flaue Gefühl in meinem Magen, wenn ich an dieses Land denke? Man kennt den Iran aus den Medien: Die Mullahs, die Strenge dieser islamischen Geistlichen, die schwarz verschleierten Frauen, die bedrohlichen Atomwaffen und Bilder von brennenden amerikanischen Fahnen. Ich habe offenbar viel über den Iran gehört, ohne mich je näher mit dem Land beschäftigt zu haben. All dies geht mir durch den Kopf, als ich mir die Reiseerzählung von Marcel anhöre.

Wir unterhalten uns intensiv über Stereotypen und Klischees, die wir Menschen über verschiedene Nationen in uns tragen. Marcels ganz klar und deutlich erklärtes Ziel war es, ohne solche Klischees im Kopf den Iran zu bereisen. Er ging dieses Abenteuer völlig vorurteilsfrei an.

«Als Gast gehe ich nicht in ein Land, um Sachen zu kritisieren. Ich möchte verstehen, warum die Menschen ticken, wie sie ticken.»

Reisen erweitert den Horizont
Marcel ist schon viel herumgekommen, kennt arabische Länder und rechnete damit, dass ein islamischer Staat wie der Iran ganz speziell tickt. Doch das Gegenteil war der Fall: Die Iraner hatten keine Berührungsängste. Mit dem Töff verhält es sich offenbar wie mit Babys und Hunden. Mit diesen im Schlepptau kommt man immer mit Fremden ins Gespräch. Mit einer BMW 800 GS Adventure in einem Land, wo es nur 125er-Motorräder chinesischer Produktion gibt, multipliziert sich das Verhalten. Gefühlt bei jeder kleinen Pause musste er Selfies mit den Einheimischen machen, die sofort nach dem Abstellen des Motors neben ihm «aufpoppten». Der Töff machte Eindruck, und der offene Schweizer, mit dem man sich auch ohne Englischkenntnisse mit Google-Übersetzer unterhalten konnte, beeindruckte die Leute vor Ort.

Die Iraner hat Marcel als sehr zuverlässige Leute kennengelernt, die ihr Wort halten. Er wurde weder angebettelt noch respektlos behandelt. «Mir ist immer geholfen worden. Ich durfte alles anschauen, ob Moscheen, Heiligtümer, Kulturdenkmäler oder was auch immer. Ich dachte, der Iran sei viel fundamentalistischer als zum Beispiel Marokko. Klar, es ist eine Männergesellschaft, aber so viel ‹voraus› sind wir nicht.» Wirklich stark verschleiert waren nur die älteren Frauen. «Bei den Jungen rückt das Kopftuch immer weiter Richtung Nacken», schmunzelt er. Die jungen Leute, vor allem die schulpflichtigen, sprachen ein hervorragendes Englisch. Marcel genoss die Gastfreundlichkeit sehr und hatte ungewöhnlich viele wertvolle Begegnungen. Oftmals wurde er einfach auf der Strasse angesprochen und vom Fleck weg eingeladen. Er musste zwar immer einige Stunden bei spontanen Einladungen einplanen, da die Leute ihn kaum gehen liessen. Genau darum wird er diese Reise aber nie vergessen.

Die Philosophie der Feuertempler, einer religiösen Gruppierung, die er besuchte, imponierte ihm besonders: «Denke Gutes, sprich Gutes, tue Gutes.» Marcel schwor sich, die erlebte Spontanität, die Hilfsbereitschaft sowie das Credo der Feuertempler für den Alltag zu konservieren … und das gelingt ihm bis heute ganz gut. Dass er all diese Abenteuer erleben und die Reise in den Iran überhaupt unternehmen konnte, verdankt er seinem Chef und seinen Kolleginnen, betont Marcel abschliessend. Sie übernahmen während seiner Abwesenheit zusätzliche Aufgaben und «hielten den Laden am Laufen». Sein grosser Dank gilt ihnen.