«Bauen ist mein Leben.»

Steine, Gips, Mörtel und staubige Baustellen begleiten Thomas Albrecht schon sein Leben lang. Nun ist der erfahrene Baufachmann verantwortlich für den anspruchsvollen Umbau des denkmalgeschützten SOB-Verwaltungsgebäudes beim Hauptbahnhof St. Gallen. Der Leiter Immobilien der SOB gewährt einen Einblick in seinen Erfahrungsrucksack.

Text: Brigitte Baur, Fotos: SOB, Claudine Gund

Ein grosser, sympathischer, selbstbewusster Mann mit kurzen grauen Haaren sitzt mir gegenüber und schaut mich erwartungsvoll an: Thomas Albrecht. Ziel unseres Treffens ist ein Text über die Aufgaben der Immobilien-Abteilung. «Da bin ich jetzt aber gespannt auf die Fragen», eröffnet Albrecht in breitem Züritüütsch das Gespräch, lacht und scheint dabei etwas ungläubig. Er ist seit Frühjahr 2017 Leiter Immobilien bei der SOB. Die Abteilung stehe bei den Mitarbeitenden nicht gerade an erster Stelle, wenn es um das Aufzählen der branchenüblichen Bereiche im Unternehmen gehe, erklärt er. Bei meiner Frage nach dem Grund zuckt Thomas Albrecht mit den Schultern. «Vielleicht werden wir als Exot in einem Bahnunternehmen einfach zu wenig wahrgenommen», bedauert er. Nur vielleicht? Nun, bei einem Unternehmen wie der SOB denken die meisten Leute als Erstes an Züge, Schienen, Pendler, Schotter oder an den Lokomotivführer. Dass es die «Immo» gibt, ist allgemein bekannt. Doch was das Team um Thomas Albrecht den ganzen Tag macht, wissen die wenigsten. Also frage ich nach, … 

Brachland wandeln zum Wertobjekt

… was Interessantes zutage fördert. In erster Linie ist die Immobilien-Abteilung für alle Aufgaben in den Bereichen Bereitstellung, Bewirtschaftung und Unterhalt sämtlicher Objekte im Immobilienportfolio der SOB zuständig. Inklusive der SOB-Bahnhöfe, die gemäss Albrecht alle in einem tadellosen Zustand sind. Ein Erbe seines umsichtigen Vorgängers. Weiter gehört die Bewertung der bestehenden SOB-Gebäude nach Lage, Art, Beschaffenheit, Nutzungsmöglichkeit und Ertrag ebenso zum täglichen Geschäft wie die Beurteilung brachliegender Areale mit Entwicklungspotenzial. Beispielsweise aktuell die Umnutzung der Brachflächen beim Bahnhof Wattwil: Hier baut die SOB nicht mehr benötigte Abstellgleise und Verladerampen zurück und realisiert gemeinsam mit der Pensionskasse ASGA neuen Wohn- und Gewerberaum. Vor allem in der Reaktivierung der unbebauten Flächenreserven sieht Thomas Albrecht grosses Potenzial für neue Bauprojekte: «Zum einen bedeuten brachliegende Flächen ungenutztes Kapital, zum anderen besteht ein wachsendes Interesse, an urbanen Orten zu wohnen oder zu arbeiten.» 

Neben vielen weiteren Aufgaben wie der Erarbeitung von Gebietskonzepten, Zonenplananpassungen und der Ausarbeitung von Gestaltungsplänen ist Thomas Albrecht Brandschutzverantwortlicher für die Gebäude der SOB. Wie der Name schon sagt, gehört die Minimierung von Brandrisiken in allen SOB-Gebäuden zu dieser verantwortungsvollen Aufgabe. Ziel ist es, alle baulichen, technischen und organisatorischen Brandschutzmassnahmen so aufeinander abzustimmen, dass alle Mitarbeitenden im Ernstfall geschützt sind. Ich bin beruhigt. Denn Brandschutz steht bei der Sanierung unseres SOB-Verwaltungsgebäudes am Hauptbahnhof in St. Gallen weit oben auf der Liste. Als Gesamtprojektleiter und Bauherrenvertreter betreut Thomas Albrecht seit Herbst 2016 den anspruchsvollen Umbau. Das beeindruckende und denkmalgeschützte Jugendstilgebäude aus dem Jahr 1908 wurde vom Keller bis unter das Dach ausgehöhlt. Diesen Herbst sind die umfangreichen Sanierungsarbeiten abgeschlossen. Danach beziehen rund 50 SOB-Mitarbeitende, nach einem Jahr Provisorium im Neumarkt 4, ihre neuen Arbeitsplätze. Alles totalsaniert und bezugsbereit in zwölf Monaten. Für mich beeindruckend. Für Thomas Albrecht war es eine Herkulesaufgabe. «Ohne meinen grossen Erfahrungsrucksack hätte ich diese Aufgabe wohl nicht erfüllen können.» 

Vier Jahrzehnte Erfahrung

Thomas Albrecht wirkt sachlich, konzentriert und ruhig. Seine Antworten sind klug und sicher. Vielleicht hilft ihm sein Sternzeichen Waage, alles geduldig und präzise zu beantworten. Vielleicht ist es aber auch der Umstand, dass er sich auf dem Bau jahrelang in Geduld üben musste. Spricht er jedoch über seine Arbeit, funkeln seine Augen. Die Leidenschaft für das Bauen begleitet ihn seit bald vier Jahrzehnten. Ein Baumensch durch und durch, wie er sich selber beschreibt. Doch spulen wir hier mal 38 Jahre zurück.

Die grosse Erfahrung kommt nicht von ungefähr: Der heute 54-Jährige ist im zürcherischen Bülach aufgewachsen – was seinen Nicht-Sankt-Galler-Dialekt erklärt. Im benachbarten Höri schloss er seine Grundausbildung als Maurer ab. Nach der Lehre folgten Weiterbildungen zum Hochbautechniker und Bauleiter, danach die Aufgabe als Projektleiter in einem Architekturbüro. 2001 gründet er gemeinsam mit einem Geschäftspartner ein Bauleitungs- und Planungsbüro in Uster.  

Via Tageszeitung zur SOB

Private Gründe waren für die Schliessung der Firma in Uster und den Umzug nach Appenzell Ausserrhoden verantwortlich. In Rehetobel, hoch über der Stadt St. Gallen, bot sich dem zweifachen Familienvater in der Gemeindeverwaltung eine neue Herausforderung an. Auf Gemeindeebene wechselte er von der Seite eines Bittstellers in handfeste Wirtschaftspolitik, erteilte als Bauverwalter geforderte Baubewilligungen und leitete – nebst verschiedenen Kommissionen – Projekte im Tief-, Strassen- und Leitungsbau. Bis ein Stelleninserat der SOB in der Tageszeitung Thomas Albrechts Aufmerksamkeit weckte. Die Zeit für eine neue Herausforderung war da. 2014 wechselt er als Projektleiter in die Abteilung Immobilien bei der SOB. Drei Jahre später, nach dem erfolgreichen Abschluss als Eidgenössischer Immobilienbewirtschafter, übernimmt der erfahrene Baufachmann die Leitung der Abteilung. Und was prägt heute seinen Alltag? «Die Arbeit mit meinem Team, die ständig wechselnden Anforderungen und die Vielfalt der Menschen, mit denen ich zu tun habe, stellen einen hohen Anspruch an meine Arbeit. Zudem übte die nachhaltige Gestaltung von Gebäuden, Räumen oder Flächen schon immer einen besonderen Reiz auf mich aus. Etwas Nachhaltiges zu erschaffen, das noch Jahre später jeder sehen und benutzen kann.»

Und jetzt, am Ende unseres Gesprächs, mogelt sich ein kurzer besinnlicher Moment in dieses sachliche Gespräch über sanierungsbedürftige Immobilien, brachliegendes Bauland und schroffe Handwerker. «Ja, Bauen ist mein Leben», bringt Thomas Albrecht rückblickend alle seine Antworten auf einen Nenner.