Immer dem Gleis nach ...

Schon mal was vom Beruf des «Streckenläufers» gehört? Tatsächlich gibt es diesen bei der Eisenbahn. Für die Südostbahn ist Marco Della Torre unterwegs. Ich treffe mich mit ihm, um dieser ungewöhnlichen Beschäftigung auf den Grund zu gehen, und habe jede Menge Fragen im Gepäck.

Interview und Fotos: Nicole Wolf
 

Marco, was macht ein Streckenläufer genau?
Einmal im Monat laufe ich die gesamten 75 Kilometer des Ostnetzes der Südostbahn (Romanshorn–Nesslau) ab und prüfe es auf Schäden und Mängel. Das Südnetz wird von einem weiteren Kollegen abgelaufen.

Wie viele Kilometer und Schritte machst du durchschnittlich?
Keine Ahnung, wie viele Schritte ich mache. Die habe ich noch nie gezählt. Pro Tag schaffe ich gut 15 Kilometer. Im Jahr sind es grob gerechnet 900 Kilometer.

Wie kommt man zu diesem Beruf? Gibt es eine spezielle Ausbildung dafür?
Der Streckenläufer benötigt Fachwissen und Erfahrung. Sofern man das mitbringt, kann es jeder machen. Du musst dir bewusst sein, dass du den ganzen Tag alleine unterwegs bist und dich selbst schützen musst. Eine spezielle Ausbildung dafür gibt es nicht.

Was hast du gelernt?
Ich habe Gleismonteur gelernt, war 13 Jahre bei den SBB, acht Jahre bei der Fahrleitung und bin nun das sechste Jahr beim Gleisbau bei der SOB.

Wie sieht ein typischer Tagesablauf aus? Gibt es diesen überhaupt, und kommt nie Routine auf?
Das ist schwierig zu beantworten. Manche Sachen sind wiederkehrend, manche nicht. Natürlich kennst du praktisch jeden Stein auf dem Weg. Trotzdem denke ich ab und zu: «Herrje, warum habe ich das beim letzten Mal nicht gesehen?» Eine gewisse Monotonie herrscht, umso aufmerksamer musst du sein. Ich mache es so: Im einen Monat laufe ich von A nach B, im nächsten Monat laufe ich in die andere Richtung von B nach A. Diese Perspektivenänderung bringt neue Einblicke.

Wie sieht dein Einsatzplan aus? Ist immer genau vorgegeben, wann du welche Strecke abläufst und zu welcher Zeit?
Mein Chef gibt mir bekannt, wann ich laufen soll. Wenn alle Aufträge freigegeben sind, kann ich selbst wählen, wo und wann ich laufe. So ist es manchmal möglich, dass ich mir Arbeit im Tunnel einteile, wenn es zu heiss oder zu nass ist.
Grundsätzlich ergeben zum Beispiel die Strecken Wittenbach–Herisau und Herisau–Brunnadern je einen Arbeitstag. Ich beginne mit einer Führerstandsfahrt, um an den Startpunkt zu gelangen. Während der Fahrt mit direktem Blick aufs Gleis kann ich mir bereits Notizen zu Ungereimtheiten machen, die ich bemerke. Später kann ich diese zu Fuss genauer anschauen. Am Startpunkt angekommen, laufe ich die Strecke ab, halte Mängel fest und beurteile deren Priorität.

Worauf achtest du, wenn du die Strecke abläufst? Woran erkennst du potenzielle Schäden?
Ich schaue beim Gehen unter anderem auf den Schotter, die Schienen, die Fahrleitungen und die Umgebung rund um die Fahrbahn. Das sind im Winter zum Beispiel auch Eiszapfenbildungen in Tunneln oder generell defekte Isolatoren, Schienenbrüche oder Gleisverwerfungen, Senkstellen, Schienenfehler und vieles mehr. Ich prüfe die Schienen genau, kontrolliere, ob Befestigungen und Gummieinlagen lose sind, begutachte den Schwellenzustand und die Schottermenge. Der Lokführer kann einzelne Mängel zwar beim Fahren wahrnehmen und melden, den genauen Blick auf die Infrastruktur hat jedoch nur der Streckenläufer. Dafür bin ich zuständig.
Letztes Jahr gab es zum Beispiel in einem Tunnel einen 60 cm langen Eiszapfen. Das kann gefährlich werden, wenn der Zug mit 100 Sachen vorbeifährt. So etwas stelle ich fest und lasse es vom Unterhalt entfernen.

Risse siehst du als Fachmann sofort?
Ich begutachte Risse an Schwellen und Brücken oder Wassereinbrüche an Tunneln. Risse in den Schienen erkenne ich mit blossem Auge im Normalfall nicht. Dazu untersuchen wir die Gleise mit Ultraschallgeräten.

Wie hältst du erkannte Mängel fest?
Ich habe ein kleines Gerät bei mir. Es sieht einem Tablet ähnlich. Durch dieses habe ich Zugriff auf unsere Anlagen- und Unterhaltsdatenbank «Zedas». Dort sind die Daten der Gleise, Weichen, Signale, Bahnübergänge, Brücken usw. im System hinterlegt. Auftretende Mängel verwalten und protokollieren wir über «Zedas». Stelle ich einen Mangel fest, dann erfasse ich ihn mit diesem Gerät.

Stichwort neue Technologien: Gibt es die Tätigkeit Streckenläufer in Zukunft noch, was denkst du?
Der Mensch sieht vielleicht Sachen, die die Maschine nicht erkennt. Eine Maschine produziert immer das Gleiche, das kann von Vor-, aber auch von Nachteil sein. Der Mensch hat wiederum gute und schlechte Tage. Es ist schwer zu sagen. Die technologische Entwicklung überschlägt sich. Vielleicht brauchen Züge in Zukunft keine Schienen mehr, wer weiss. Eine Veränderung wird es mit Sicherheit geben. Es kommt darauf an, wie schnell sich die Technologie entwickelt. In 50 Jahren wird es diese Tätigkeit vermutlich nicht mehr geben. Aber ich denke, die nächsten 10 bis 20 Jahre wird es optische Kontrollen noch brauchen − fraglich ist, in welchem Ausmass. Vielleicht macht man es dann mit Drohnen.

Auf den Gleisen sind Züge unterwegs. Wann kannst du diese Tätigkeit überhaupt ausführen? Nur in den nächtlichen Betriebspausen, nehme ich an?
Nein, ich mache das zu normalen Arbeitszeiten. Selbst die Betriebszentrale oder die Lokführer wissen nicht, wann ich unterwegs bin. Ausser ich beantrage beim Stellwerk eine Gleissperrung, weil ich mir etwas genauer anschauen muss.

Das heisst, du kennst den Fahrplan auswendig?
Das nützt nichts. Extrafahrten werden erst am Vortag geplant und um 17 Uhr abgeschlossen. Bis zu meinem Arbeitsbeginn ergeben sich jedoch vielfach Änderungen. Es liegt an mir, mich zu informieren und zu schützen. Dazu rufe ich beim Zugverkehrsleiter in Herisau an und erkundige mich über Änderungen bzw. über den aktuellen Stand des Zugverkehrs.

Hattest du spezielle bzw. schöne Begegnungen auf der Strecke, zum Beispiel mit Tieren?
Ja klar. Das ist das Besondere am Laufen. Ich sammle privat leidenschaftlich Fossilien. Die Natur interessiert mich. Gerade die Begegnungen mit Tieren sind etwas Schönes. Unlängst, bei Wittenbach, ist mir ein Wiesel begegnet. Schneeweiss. Leider war ich zu langsam, um es zu fotografieren. Ein paar Tage später war ich im Toggenburg unterwegs, und wieder tauchte ein Wiesel vor mir auf. Das hat sogar «extra» Männchen gemacht und posierte so lange, dass ich es fotografieren konnte.
Manchmal gibt es auch unschöne Begegnungen. Den Geruch eines toten Tieres bekommt man nur schwer aus der Nase. Das sind dann die Schattenseiten dieser Aufgabe. Einmal habe ich einen toten Fuchs gefunden. Den roch ich schon von Weitem beim Hinlaufen. Komischerweise bewegte sich das Fell des Tiers. Als ich es dann wegzog, war klar, warum es sich bewegte: Es kam ein Schwall an Lebendigem aus dem Fuchs heraus. Diesen Anblick an Maden werde ich nie vergessen.

Muss man gerne laufen für diesen Job?
Laufen ist kein Hobby von mir (lacht). Ich mag laufen eigentlich gar nicht (lacht herzhaft). Es ist einfach ein Teil meiner Arbeit, die ich bei der SOB ausübe. Wenn ich Fossilien suchen gehe, dann fahre ich so nahe hin wie möglich und laufe nur dort, wo man nicht mehr fahren kann.
Aber Highlights sind dann einfach andere Dinge, wie schöne Erlebnisse in der Natur.