Gedanken gleiten lassen

Die Strecke des Voralpen-Express führt vorbei am Hochtal von Rothenthurm – der grössten zusammenhängenden Hochmoorfläche der Schweiz. Ein Erholungsgebiet in allen Jahreszeiten. Im Winter entpuppt sich die Moorlandschaft als Paradies für Langläufer und Wanderer. Eine lohnenswerte Reise.

Gerade unterwegs, die nächste Herausforderung immer im Blick: Das ist die SOB. Dennoch möchten wir den richtigen Moment nicht verpassen, um zurückzublicken. Gemeinsam mit Ihnen, geschätzte Leserinnen und Leser, blicken wir in dieser Ausgabe zurück auf ein bewegtes Jahr. Ein Jahr, in dem die SOB ihrer Rolle als Querdenkerin alle Ehre gemacht, Innovationen vorangetrieben und wichtige Meilensteine erreicht hat.

So fand sie die Balance zwischen Umweltschutz und sicherem Bahnbetrieb, machte sich modernste Technik zunutze, tüftelte an kreativen Innovationen und profitierte vom Zusammenspiel zwischen Mensch und Maschine. Lernen Sie, was ein Streckenläufer macht, wie Sie als Reisende von laserbehandelten Fenstern profitieren und welche Vorteile eine feste Fahrbahn bringt. Oder erfahren Sie mehr über ein beeindruckendes Projekt unserer Lernenden, die einen eigenen Pneumatik-Prüfstand entwickelt haben.

Kaum ein Thema liess die SOB in diesem Jahr unberührt, kreuz und quer mischt sie in der «Bahnwelt» mit. Naheliegend also, dass ihre neueste Errungenschaft den Namen Traverso (vom italienischen Wort für «quer») trägt. Ab Dezember 2019 wird der kupferfarbene Blickfang die bestehende Voralpen-Express-Flotte ablösen und zwischen St. Gallen und Luzern verkehren. 
 
Und bald steigt die SOB mit diesem topmodernen Fahrzeug auch in den Fernverkehr ein: Ab Dezember 2020 fährt sie von Basel und Zürich über die Gotthardbergstrecke nach Locarno, und ab Dezember 2021 von Bern nach Chur: kreuz und quer durch die Schweiz.

Ich freue mich auf einen sonnigen, bewegungsreichen, aber auch gemütlichen «Genuss-Tag». Mit dabei: meine Langlaufski. Es ist ein kühler Morgen. Meine Nasenspitze ist mit Sicherheit schon leicht rot, denke ich mir. Noch wenige Minuten, bis der Zug in Herisau einfährt. Bald lehne ich mich im Voralpen-Express zurück, wärme meine Hände am Kaffee aus dem Bistro und geniesse die Fahrt.

Infrastruktur beim Loipenstart
Nächster Halt Rothenthurm. Die Wegweiser am Bahnhof führen mich zur nahe gelegenen Garderobe unweit der Loipenhütte und zum Ausgangs- und Endpunkt der Rundloipe. Wer die Ausrüstung mieten möchte – sei es Klassisch oder Skating –, probiert die Schuhe in der Garderobe. Die Ski kann man direkt in der Loipenhütte beziehen – ganz praktisch also. Auch die Loipenpässe gibt es in der Loipenhütte beim Start. Eine Tageskarte kostet acht Franken. Kinder und Jugendliche bis 16 Jahre laufen in Rothenthurm gratis. Die Garderobe ist einfach gehalten und mit allem ausgestattet, was ein Wintersportler braucht. Für eine kleine Zwischenverpflegung stehen Snacks bereit. Was mich schmunzeln lässt, ist der «offene Geldkorb». Hier hat man Vertrauen in die Menschen. In mir erweckt das eine gelassene Stimmung, und ich fühle mich gut aufgehoben in der Moorlandschaft von Rothenthurm.

Die Loipen in Rothenthurm
Vom Startpunkt direkt am Bahnhof führen fünf Loipen von 3 km, 7 km, 11 km, 15 km und 20 km durch das Hochmoor. Ich habe mir vorgenommen, die 15-km-Runde zu laufen. Am Scheidepunkt angelangt, entscheide ich mich doch für die 20-km-Runde. Für die Loipe gilt generell: Je länger die Strecke, desto anspruchsvoller das Streckenprofil. Aber das ist auch für weniger geübte Läufer kein Problem. Es bestehen mehrere Möglichkeiten, die Strecke an gut markierten Stellen abzukürzen.

Geduld ist eine Tugend
Wie in manchen Sportarten ist auch im Langlauf Geduld gefragt, bis die Technik sitzt und sich die Ausdauer aufbaut. Fakt ist: Ein guter Stil benötigt weniger Kraftaufwand. Als ein Mann mit englischem Akzent einen Ortsansässigen fragt, ob das Langlaufen mit der Zeit einfacher gehe, antwortet jener nur: «Übung macht den Meister.» Auf diesen flachen Loipen konzentriere ich mich auf einen guten Stil mit langer Gleitphase.

Bewusst geniessen
Unterwegs gibt es eine nette Verpflegungsmöglichkeit im Steinstoss-Stübli. Ich betrachte die Aussicht auf die Ebene, während ich auf der Terrasse des Restaurants sitze, bestaune den wolkenfreien Himmel und geniesse die wärmenden Sonnenstrahlen. Nebenbei vertilge ich genussvoll einen Käsekuchen mit Salat.

Mit gestilltem Hunger gleite ich weiter durch den Schnee. Die Monotonie der Bewegung erzeugt in mir eine Zufriedenheit. Gedanken kommen und gehen, aber ich halte an keinem fest. Ich geniesse, was ich gerade tue. Ich denke mir, dass ich mir dessen öfters bewusst sein sollte: dem, was ich tue, oder der Person, mit der ich gerade zusammen bin, die 100-prozentige Aufmerksamkeit zu schenken.

Zurück in Rothenthurm, setze ich mich kurz auf die Bank und warte, bis der letzte Sonnenstrahl verschwindet. Danach begebe ich mich wieder zum Perron. Pünktlich rollt der Voralpen- Express ein. Das neue Rollmaterial ermöglicht ein einfaches Einsteigen und bietet Platz für die Ski.

Nachtschwärmer
Die drei Kilometer lange Nachtloipe ist von Montag bis Freitag von 17 bis 21 Uhr beleuchtet. Als ich mich auf den Weg nach Hause mache, kommen noch einige Langläufer und drehen nach Feierabend ihre Runden. Ich fahre mit dem Voralpen-Express zurück in Richtung Herisau. Durch die grossen Panoramafenster blicke ich auf die weite Ebene und lasse das kleine Winterparadies in Rothenthurm hinter mir.

Moorlandschaft in Rothenthurm

Zwischen Biberbrugg und Rothenthurm haben sich über Jahrtausende Hoch- und Flachmoore entwickelt. Moorlandschaften sind ein natürlicher Hochwasserschutz. Bei Regen saugen sie sich voll. In der Trockenheit geben sie das Wasser wieder langsam an die Umgebung ab. Wer die Natur mag, findet in dieser Moorlandschaft Ruhe und Erholung im Sommer wie im Winter. Auf 923 Meter über Meer liegt der Schnee hier länger als in den umliegenden Orten, was ideal für Wintersportler ist.