Wo ein Wille, da (oft) ein Weg

Wer mit dem öffentlichen Verkehr unterwegs ist, kennt die Situation vielleicht aus eigener Erfahrung oder aus Beobachtungen: Reisen mit Fahrrad, Kinderwagen, viel Gepäck oder mit einer verletzungs- oder altersbedingten Gehbehinderung ist beschwerlich. Wie reisen Menschen, die mit einer permanenten Beeinträchtigung leben? Wir haben zwei begleitet.

Text und Fotos: Claudia Krucker

Doris Scherer

Es ist ein perfekter Tag für einen Ausflug, ein sonniger, warmer Frühlingstag. Kein Zweifel, das muss sie sein. Ihr Signalement – weisser Blindenstock und schwarzer Labrador – ist für eine Sehende wie mich unverkennbar. Ich staune, wie ich es heute noch oft tun werde, mit welcher Sicherheit sie sich Richtung Bahnhof bewegt. Wir haben uns in Wil, ihrem Wohnort, vor dem Avec-Shop verabredet. Doris Scherer, die mir gleich das Du anbietet, hat sich bereit erklärt, uns einen Einblick zu geben, wie sie mit dem öffentlichen Verkehr unterwegs ist. Die Geschäftsstelle Procap in St. Gallen hat uns den Kontakt vermittelt.

 

Fragen über Fragen

Einen Vorgeschmack auf das Reisen mit Handicap bekam ich, als ich die Reise für uns organisierte. Wir wollen von Wil via Wattwil und dann mit dem Voralpen-Express nach Schmerikon fahren. Nach einem Aufenthalt in Schmerikon sollen uns die S6 nach Uznach und die S4 dann zurück nach Wattwil bringen. Ganz bewusst habe ich verschiedene Zugtypen gewählt – mit Niederflureinstieg, also sogenannt barrierefrei, und mit Treppeneinstieg. Beim Versuch, mich in Doris hineinzuversetzen, haben mich bereits bei der Planung Fragen wie «Wie viel Zeit benötigt Doris zum Umsteigen?» beschäftigt. «Zehn Minuten genügen normalerweise, aber die Umsteigezeit variiert je nach Grösse des Bahnhofs », schreibt sie mir per E-Mail. Die kürzeste Umsteigezeit unserer Verbindung beträgt vier Minuten. In Uznach von Gleis 2 auf Gleis 3. Reicht das? Die beiden Gleise werden vom gleichen Perron aus bedient, das wird das Umsteigen erleichtern. Wie käme Doris zu dieser Information und wie wüsste sie, welches Rollmaterial eingesetzt ist? Fragen, die sie mir während unserer Reise beantwortet. Wir wagen das Experiment, immer mit der Option, dass wir eine Verbindung überspringen, wenn die Zeit nicht reichen sollte.

«Guter Hund»

Den Weg zu Gleis 5 in Wil lässt sich Doris von ihrer Hündin zeigen, ich einige Schritte hinterher. Sie wollte Akira anfänglich zu Hause lassen, da diese einen Teil unserer Strecke nicht kennt – und somit für Doris keine Hilfe ist. Weil Doris mir aber zeigen will, was Akira kann, hat sie sich umentschieden und die Hündin mitgenommen. «Gut gemacht», denke ich. Souverän führt sie uns zum Ziel und lässt sich auch von einem anderen Hund nicht ablenken, meine ich. Doch Doris spürt dessen Anwesenheit wegen Akiras Haltung im Führgeschirr, wie sie mir erklärt. Im Zug nach Wattwil nimmt Doris Akira das Geschirr ab. Nun ist Akira offiziell «ausser Dienst». Ich darf sie jetzt erst begrüssen, denn anfassen und ablenken sollte man einen Hilfshund während der Arbeit nicht. Die Sonne brennt durch die Scheiben. Instinktiv erhebt sich Doris und greift nach dem Rollo – doch sie greift ins Leere. Es gibt keines. Sie sei zum Glück nicht sehr lichtempfindlich. Viele sehbehinderte und blinde Menschen sind hingegen stark lichtempfindlich und tragen deshalb oft eine spezielle Dunkelbrille. Dennoch wechseln wir das Abteil. Uns bleiben gut 20 Minuten Fahrzeit. «Vollblinde reisen nicht allein», weiss Doris. Sie sind auf Begleitung und Unterstützung angewiesen. Das beginnt bereits bei der Reiseplanung.

Hilfe erhalten Reisende mit Beeinträchtigung meist im Familienkreis, in den Bahnreisezentren oder beim SBB Callcenter Handicap. Diese offizielle Hotline steht sowohl Reisenden mit eingeschränkter Mobilität, Menschen mit geistiger Behinderung als auch Blinden und Sehbehinderten gratis zur Verfügung. Doris wagt sich auch alleine auf Reisen. Auf ihr unbekannten Strecken fragt sie sich durch. Die Leute seien sehr hilfsbereit, aber manchmal mache sie die Erfahrung, dass Blinde grundsätzlich für dumm gehalten würden. Schwierig wird es für sie bei geänderter Streckenführung oder bei Bahnersatz.

Ein Hauch «Italianità»

In Wattwil demonstriert Akira einen Teil ihres Könnens. Rund 40 Befehle kennt ein Blindenführhund, alle in italienischer Sprache: Durch die vielen Vokale versteht ein Hund diese besser als deutsch. «Banca!» befiehlt Doris. Tatsächlich trottet Akira in Richtung Bank, die auf dem Perron steht, und zeigt sie Doris, indem sie ihre rechte Pfote auf die Sitzfläche legt. Auf das Kommando «Porta» lotst uns Akira anschliessend zur Zugtüre des Voralpen-Express bei der ersten Klasse, die ich für uns «gefunden» habe. Akira führt Doris, und so meistern sie die Einstiegsstufen anscheinend problemlos. Der Einstieg mit Führhund ist klar geregelt: Der Hund geht voran und Doris steigt nach. Der Stock dient ihr, die Anzahl Stufen zu erkennen. Beim Aussteigen ist es umgekehrt. Die blinde Person steigt zuerst aus, und der Hund folgt erst nach dem Kommando «libera» nach. «Ein Zug mit Niederflureinstieg ist für mich nicht zwingend besser, selbst bei niveauausgeglichenem Perron. Ein zu grosser Abstand zwischen Bahnsteig und Wagen ist sogar gefährlich.»

Doris war lange nicht mehr am Zürichsee, sie kommt ursprünglich aus dieser Ecke, und geniesst unseren Aufenthalt in Schmerikon. Wir lassen einen Zug aus. Bei einer Glace erzählt Doris mehr aus ihrem Leben.

Schicksal

Vor elf Jahren erlitt Doris nach einer Operation einen septischen Schock und wurde in der Folge in ein künstliches Koma versetzt. Ihre Sehnerven sind dabei abgestorben. Nach dem Aufwachvorgang diagnostizierten die Ärzte eine faktische Erblindung. Auf dem linken Auge sieht sie noch drei Prozent, auf dem rechten fünf. Für die Direktionsassistentin brach zuerst eine Welt zusammen. Trotzdem haderte sie nicht lange mit ihrem Schicksal. Sie setzte alle Hebel in Bewegung, damit sie durch die Invalidenversicherung für eine berufliche Wiederintegration unterstützt wurde. Sie besuchte neun Monate die Blindenschule in Basel, wo sie unter anderem die Brailleschrift, blindentechnische Fertigkeiten auf dem Computer sowie den Umgang mit speziellen Hilfsmitteln erlernte. Da Blinde keine Maus bedienen können, musste sie sämtliche Befehle auswendig lernen, ihre vorgängig guten EDV-Kenntnisse haben ihr einiges erleichtert.

Trotz ihrer Anstrengungen klappte der berufliche Wiedereinstieg bei ihrem ehemaligen Arbeitgeber leider nicht. Daraufhin hat sie sich für einen Führhund entschieden und ist mit Akira mehr als belohnt worden. Zusammen mit ihrem Mann Hanspeter meistern sie nun zu dritt den Alltag. Das Internet bedient sie so souverän wie das Smartphone. Sie kocht und wäscht selber, entsprechende Einrichtungen im Haus machen das möglich. Selbst fürs Schminken hat Doris mit Permanent-Make-up eine Lösung gefunden. Für sie und Hanspeter ist klar, dass Akira nach ihrer ordentlichen Pensionierung den Ruhestand bei ihnen verbringen darf. Ein neuer Führhund ist kein Thema, solange Akira lebt.

Abenteuerlust

Akira kriegt etwas Kleines zu fressen und erledigt später ihr grosses Geschäft. Wie hätte es anders sein können, ohne viel Aufhebens säubert Doris die Stelle. Wo ein «Robi» steht, zeigt ihr Akira an. Diesen Begriff hat ihr Doris selber beigebracht. Wir beschliessen spontan, die Route zu ändern, und fahren via St. Gallen zurück nach Wil. Doris scheint für jedes Abenteuer offen. Immer wieder beweist sie, wie selbstständig sie ist. Die Gleise findet sie mithilfe der Braillebeschriftung an den Handläufen, den Lift zeigt ihr Akira auf den Befehl «Taxi», der für alle Fortbewegungsmittel steht.

Wenn sie einen Wunsch an die Verantwortlichen des öffentlichen Verkehrs offen hätte, wären dies überall Tafeln auf Augenhöhe, denn diese kann sie Buchstabe für Buchstabe entziffern. Auch die Durchsagen der Haltestellen sind für sie essenziell, um sich zu orientieren. Und wenn dann noch die Ausstiegsseite angekündigt würde, wäre das schon fast perfekt.

Lukas Schällibaum

«An guten Tagen reise ich oft alleine mit öffentlichen Bussen, Zügen oder in Tixis», erzählt Lukas Schällibaum bei unserem ersten Treffen. Für den Alltag nutzt er sein «Auto», wie er seinen Elektrorollstuhl schmunzelnd nennt. An schlechten könne er nicht gut sprechen und sein Körper blockiere sich, was das Steuern des Rollstuhls verunmögliche. «Ich brauche dann bis zu einer Woche, um wieder zu Kräften zu kommen. Gezielte Übungen und mein Wille helfen mir dabei.» So geschehen kurz vor unserem ersten Termin für eine gemeinsame Reise.

Lukas wohnt im Imbodehuus in St. Gallen, einer Institution für Menschen mit einer Körperbehinderung und oder einer Hirnverletzung. Er ist zwar sehr selbstständig, benötigt aber doch bei Diversem mehr oder weniger Hilfe, je nach Tagesform.

Wie Doris lebt auch Lukas nicht von Geburt an mit einer Behinderung. Im Alter von drei Jahren rannte er in ein Auto und zog sich eine Hirnverletzung zu. Alles, was er heute in Sachen Beweglichkeit und Sprache kann, musste er danach in der Kinderrehabilitation und jahrelangen Therapien wieder lernen. Im zweiten Anlauf klappt unser Vorhaben, von St. Gallen mit dem Bus zum Hauptbahnhof und dann mit der S4 in einem SOB-Niederflurzug nach Wattwil zu reisen. Dort ist er aufgewachsen, und dort wohnen seine Eltern und viele Bekannte. «So alle drei Wochen besuche ich meine Familie», erzählt Lukas. «Ausserdem bin ich einmal pro Monat in einer gemischten Oberstufenklasse für Jugendliche mit Lernbehinderung und rede mit ihnen über das Leben mit Behinderung.» Das seien wertvolle Momente für Lukas. Überhaupt sei er gerne unter Menschen und zeige auch keine Berührungsängste, wenn er gelegentlich komisch angeschaut werde. «Ich finde es wichtig, die Menschen im Umgang mit Behinderten zu sensibilisieren.»

Routiniert unterwegs

Es regnet nicht an diesem Tag. Sonst müsste Lukas sich und den Rollstuhl unter einer Pelerine verpacken, einen Schirm kann er nicht tragen. Ich habe Mühe, mit ihm Schritt zu halten. 45 Kilometer pro Stunde fahre sein Rollstuhl maximal – so sei dies zumindest in der Reha von einem Therapeuten getestet worden. «Dann muss ich aber mächtig Gas geben», kommentiere ich Lukas’ Information lachend. Wir finden ein gemeinsames Tempo und erreichen die Bushaltestelle. Man merkt ihm seine Routine an. Gekonnt überbrückt er den Randstein am Trottoir, reiht sich bei der taktilen Linie ein und gibt dem Chauffeur bei der Ankunft des Busses ein Handzeichen. Dieser steigt aus, montiert eine Rampe, und Lukas kann ungehindert in den Bus fahren. Heute geht das ruckzuck. «Wenn es viele Leute im Bus hat, ist das nicht so einfach. Mein Rollstuhl braucht auch mit dem guten Wenderadius ziemlich Platz», erklärt er.

Am Hauptbahnhof findet sich Lukas trotz Baustelle ganz gut zurecht. Mit dem Lift gehts hinunter in die Unterführung und dann die Rampe hoch zu Gleis 5. Alles problemlos. Den Fahrplan haben wir im Vorfeld gemeinsam besprochen. Die Niederflurverbindungen nach Wattwil Anders als Doris könnte Lukas tiefer angebrachte Abfahrtspläne besser lesen. Lukas ist gerne in den öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs. Der Schiebetritt schliesst die Lücke zwischen Zug und Perron und Lukas kann mit seinem Rollstuhl direkt hinein fahren. kenne er auswendig, sowohl die der S4 wie auch der S8. «Ich würde gerne auch wieder einmal mit dem Voralpen- Express reisen, aber das ist umständlich, weil ich mit meinem über 100 Kilo schweren Rollstuhl nur mit dem Mobilift einsteigen kann und somit auf Hilfe angewiesen bin», sagt Lukas mit einem Hauch von Wehmut. Aber die Aussicht auf das neue Rollmaterial ab 2019 stimmt ihn wieder um. Grundsätzlich könne er sich an den Bahnhöfen gut orientieren, aber das Lesen der gelben Abfahrtstafeln sei aus seiner Perspektive nicht immer einfach, weshalb er sich in der Regel im Voraus organisiere, dies meist selber via Internet oder selten über die Hotline.

Rundfahrt um den Säntis

Auch das Einfahren in den Zug klappt gut. Der Schiebetritt schliesst sich fast bündig an den Perron an. «Es ist auch schon vorgekommen, dass der Spalt zu gross war. Da bin ich einfach zum Lokführer vorgefahren, der mir dann mit der Rampe geholfen hat.» An diesem Nachmittag sind nicht allzu viele Leute unterwegs. Somit hat Lukas auch im Zug gut Platz mit dem Rollstuhl. Er besitzt ein GA, weil er sich damit nie um ein Billett kümmern muss. Und eine Ausweiskarte für Reisende mit Behinderung, dank der eine Begleitperson gratis mitfahren kann.

Die 33 Minuten Fahrzeit nach Wattwil vergehen im Nu. Lukas ist ein angenehmer Gesprächspartner, und es gibt viel zu berichten. Über die Geschichte, dass er in der S4 einmal versehentlich in die falsche Richtung gefahren sei und sich dann spontan entschieden habe, die dreistündige Rundreise um den Säntis zu machen, müssen wir beide herzhaft lachen.

Gastfreundschaft

Ich beschliesse, ihn in Wattwil noch bis zu seinem Elternhaus zu begleiten, das rund sieben Minuten Gehdistanz vom Bahnhof entfernt liegt. Lukas’ Rollstuhl hat eine Akkureichweite von 60 Kilometern. Das erhöht seinen Bewegungsradius. Ohne mich wäre er trotz zig Strassenquerungen und Trottoirrampen schneller – oder doch nicht? Denn Lukas wird von einigen Passanten freundlich begrüsst. Man kennt sich anscheinend und hat Zeit für einen Schwatz in diesem Dorf.

Der Empfang bei Lukas’ Eltern Vreni und Jürg ist herzlich, und ich werde eingeladen, doch noch auf einen Kaffee reinzukommen. Ich bin froh um die Tulpe, die ich in St. Gallen an der Kasse erhalten habe, als ich uns ein Getränk für die Fahrt besorgte. Wir überreichen sie Lukas’ Mutter, die heute Geburtstag feiert, wie er mir unterwegs erzählt hat. Jürg und ich gehen vor, in den oberen Stock ins Wohnzimmer. Ich nehme an, dass Vreni Lukas mit dem Treppenlift hilft. Einige Zeit später kommen sie beide – zu Fuss – auch ins Wohnzimmer. Heute ist ein guter Tag!

Das Behindertengleichstellungsgesetz (BehiG) und die SOB

Das Gesetz hat zum Zweck, Benachteiligungen zu verhindern, zu verringern oder zu beseitigen, denen Menschen mit Behinderungen ausgesetzt sind. Es setzt Rahmenbedingungen, die es Menschen mit Behinderungen erleichtern, am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen und insbesondere selbstständig soziale Kontakte zu pflegen, sich aus- und weiterzubilden und eine Erwerbstätigkeit auszuüben.

Das BehiG ist am 1. Januar 2004 in Kraft getreten und gilt auch für öffentlich zugängliche Einrichtungen des öffentlichen Verkehrs (Bauten, Anlagen, Kommunikationssysteme, Billettbezug) und Fahrzeuge.

Die SOB ist mit der BehiG-Umsetzung auf Kurs und hat bereits den grössten Teil der Auflagen erfüllt. Sie steht im regen Austausch mit den verschiedenen Behindertenorganisationen und -verbänden, um möglichst viele der teilweise unterschiedlichen Bedürfnisse von hör-, seh- und gehbehinderten Menschen abzudecken. Bis 2023 werden alle Stationen umgebaut, und das Rollmaterial wird ersetzt sein.

Die Übersichtspläne auf der Webseite www.sob.ch zeigen die Situation aller Bahnhöfe entlang der SOB-Linien.

Telefonnummer SBB Call Center Handicap: 0800 007 102 Täglich von 6 bis 22 Uhr. Der Anruf ist in der Schweiz gratis.